»Sie waren dort ja auch! Sagen Sie, Frau Buchholz, macht Italien wirklich den Eindruck eines Stiefels, wenn man darin herunterfährt?«

»Nicht völlig,« gab ich zur Antwort. Dann sagte ich langsam: »Ottilie, die Welt und die Bücher sind zweierlei, Du mußt noch viel lernen und viel vergessen.«

»Warum noch lernen? — Ich habe mein Examen gemacht und Zeugnisse, daß ich genug weiß. Die Quälerei hab' ich hinter mir. — Aber ich meine, es ging doch ausgezeichnet mit den vorhandenen Referendaren.«

»Mit den vorhandenen Gesetzen, wolltest Du sagen. Früher langten sie vielleicht, aber seitdem wir uns kolonial ausbreiten, steigern sich die Ansprüche ungeahnt. Bedenke, wie schrecklich, daß unsere wilden Afrikabrüder bis jetzt die Sonntagsruhe nie ordentlich gehalten haben, daß das Auswärtige Amt einen Extra-Sonderbefehl hinüber senden mußte, alle Arbeiten bis auf die dringlichsten an den Sonntagen in Afrika, so weit wir zu sagen haben, an den Nagel zu hängen. Die Missionare haben sich beschwert wegen Radau. Nun lernen die Wilden auf der Ausstellung die Berliner Sonntagsruhe aus eigenster Anschauung, wo sie den vorüberdrängenden Menschenströmen ihre Tänze vorspringen müssen und rudern und Matten flechten und fechten und was sie sonst auf der Walze haben zur Verbreitung anthropologischer Studien. Ob sie solches des Sonntags dürfen, wenn sie retour gekommen sind, das steht auf einem anderen Brett. Ich habe schon Herrn Kriehberg empfohlen, sobald seine Ausstellungsthätigkeit beendet ist, nach Deutsch-Afrika überzusiedeln und einen stilistischen Ausschank mit Vergnügungsgarten zu eröffnen, womit er nach Einführung der Sonntagsruhe dort glänzende Geschäfte machen muß.«

»Was werden die Missionare aber dazu sagen?«

»Die sind dem Gesetzbuch unterworfen und haben stille zu sein. Gleiches Recht für Alle. Geld erwerben am Sonntag ist große Sünde, Ottilie, aber Geld verthun darfst Du, und wenn Du hinterher am Montag abgespannt bist, als hättest Du vierundzwanzig Stunden hart geschuftet.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Gesetze sind eben schwer verständlich für den Mittelstand.«

»Wer ist Herr Kriehberg, den Sie eben erwähnten?«

»So zu sagen unser Mitarbeiter in Architektur und Bauwissenschaften.«