Das bedrückte mich. Stilles Leid ist wehestes Leid, wie etwas Todtes, das kein Beklagen und kein Getröste wieder in's Leben zurückruft. Und wer hatte ihre Freude erschlagen, ihre Herzenslust an dem blauen Kleide, wo sie so selten zu etwas Außergewöhnlichem kommt, und es sich erdarbte und in ihrer Gedankenwelt damit spielte wie ein Kind mit der Puppe? Wer hatte diese Greusäligkeit begangen?
Es war genau Diejenige-welche, — die kurz vorher sich über die giftige Wahrheitsliebe der Krausen aufgehalten hatte und die nun selbst mit ihrer Rede schmerzlich verwundete und das mit Erdichtung obendrein, blos weil sie durch Verbreitung der Modenzeitung und der Stoffe ganz dasselbe Kleid hatte und mit Ottilie nicht aus einem Topf auf der Bildfläche erscheinen wollte.
Es war keine Nothlüge, sondern eine Eitelkeitsunwahrheit, der nun eine Beruhigungsflunkerei folgen mußte. Wer lügt, steigt in einen verkehrten Zug und muß vorwärts und schließlich Strafe zahlen und hat zum Schaden den Aerger.
»Ottilie,« begann ich daher langsam, nach Ausflüchten angelnd, »was ich eben sagte, trifft wohl nicht eigentlich buchstäblich zu. Es war auch mehr als Turnübung für Deine Nerven. Jawohl, nur deshalb. Wenn Du es so mächtig gern hast, zieh es an. Ich lege mir ein Aehnliches zu, so gut gefällt es mir. Du siehst doch ein, daß Deine Nerven von Zeit zu Zeit geknufft werden müssen, das ist Massage für sie, heilkräftig, stärkend und aufmunternd. Nicht wahr, Du fühlst förmlich, wie gut es thut, daß ich eben über das Blaue scherzte?«
Es war jedoch nichts mit der Beruhigung. Sie mochte wohl merken, daß ich selbst nicht glaubte, was ich sagte. Kinder und Kranke haben feine Fühlhörner an ihrer Seele.
»Ottilie, Deine Augen verlieren ihre Blänke, wenn Du so weinst. Das wäre doch zu schade.«
Auch dies half nicht, die Nerven wurden facultativ.
»Ottilie, bist Du leidend? Geh' lieber in's Bett.«
»Ich, ich will nach Hause; ich mag nicht mehr in Berlin sein. Ich haß es.«
»Stuß! Wenn Du retour kommst und hast die Ausstellung nicht gesehen, was wird man sagen?«