„Gleichwohl, wenn ich nun das Land erreicht habe, was wird dann aus mir werden? Ich bin ohne Geld, ohne Freund, nach dieser entlegenen Gegend kommen meine Landsleute selten, was hier herum wohnt, haßt alles, was nicht an Mahomed glaubt, tödlich. Ich werde immer dem Verderben nicht entrinnen.“

„Geld wirkt viel, ich wüßte wohl Geld zu finden, und ein Raub an Räubern verübt, die mir Freiheit und Wohlfahrt entrissen, kann kein Verbrechen sein. Aber man wird mir folgen, dort mich vielleicht am ersten aufsuchen, da den Buben ihr Schatz am Herzen liegt, und sie bald argwöhnen könnten — — aber ists am Ende Frevel, Mörder zu morden? Zur Rettung des eigenen Lebens sie zu morden? Wie manchen Schuldlosen sah ich nicht schon von ihren Dolchen getroffen, sinken? — Aber ohnmächtige Thörin, was sinnst du über das Unmögliche?“

Sie sann gleichwohl länger und länger. Endlich stand der Entschluß fest vor ihr da, zu ihrer Rettung das Ungeheure zu wagen, führe es auch wohin es wolle.

Sie empfahl sich den freundlichen Gestirnen, und stand auf. Leise tappte sie nach dem Steuer zu, hob eine Flinte, einen Mannsanzug, und einen Bohrer von beträchtlicher Größe, deren Plätze sie in der Dunkelheit zu finden wußte, so behutsam als es thunlich war, auf, und ließ sie auf das Floß nieder. Nun folgte sie selbst nach, mit einem Ruder versehn.

Wie gewaltig pochte ihr Herz da draußen, und da beim ersten Schritt in die Gefahr, oft eine Anwandlung von Kleinmuth und Reue über das Herz kömmt, so fehlte nicht viel, sie wäre wieder in die Barke zurückgestiegen.

Doch wurde die Bangigkeit niedergekämpft, und verwegen setzte die Französin den Bohrer an, das Räuberschiff leck zu machen. Auf diese Art nur konnte sie sich bei ihrem Vorhaben der nächsten Verfolgung entziehen.

Sie setzte das Instrument unter dem Wasser an, und arbeitete frisch. Nach einer Viertelstunde fühlte sie, daß die Bohle durchdrungen sei, und ging an eine zweite Oeffnung. Diese wurde aber nicht vollendet, da das Sinken des Fahrzeuges den Fleck, wo sie angefangen hatte, schon zu tief niederdrückte. O bange Augenblicke! Sie mußte immer erwarten, daß die einlaufende Nässe die Schlafenden wecken würde. Dennoch bohrte sie noch an einer höheren Stelle mit aller Macht, und konnte bald das ganze Werkzeug durchschieben. Jetzt erst schnitt sie den Strang ihres Bootes los, entfernte sich aber aus guten Gründen nicht von der Barke.

Was sie befürchtet hatte, geschah gleich darauf. Mehrere der Buben schrien zugleich auf, und mahnten den Wächter, das Regenwasser auszuschöpfen. Denn nur daran dachten sie. Dieser taumelte schlaftrunken umher, die Schaufel zu suchen, plätscherte aber schon sehr tief. Nun mehrte sich aber die Kraft des Sinkens jähling, und nur zwei waren im Stande, sich noch unter der Decke hervorzuarbeiten. Die andern erhuben ein gräßliches Geschrei, das aber schon nach einigen Augenblicken verstummte, denn sie waren mit dem Fahrzeuge schon unter dem Wasser. Jene zwei, gute Schwimmer, wollten sich ans Ufer retten, aber Flore ruderte behende hinzu, gewahrte im ersten Grauen des Morgenscheins ihre Köpfe, und schlug mit desto geringerer Schonung mit der Flintenkolbe auf sie zu, als sie diese Bösewichter vorzüglich unter der Menge haßte. Denn sie hatten noch einige Tage zuvor einen coptischen Christen, blos aus Grimm, weil sie nichts zu rauben bei ihm fanden, mit Marterstreichen umgebracht.

Sie riefen kaum noch ein Allah Kerim, da gingen sie unter in ihr feuchtes Grab, und über Floren kam ein Gefühl, wie es Ulysses gehabt haben mag, da keiner seiner übermüthigen Nebenbuhler mehr athmete.

Noch blieb sie eine Weile an der Stelle, durch den ein wenig hervorragenden Mast der Barke bezeichnet, aus Sorge, es mögte einer noch aus der Tiefe hervortauchen. Sie nahm aber nichts wahr, und begriff auch, daß jeder, der nicht bei Zeiten sich unter der Matte hervor hatte machen können, nothwendig umgekommen sein müsse.