O ihr Rhodiser, die ihr einst euch so tapfer wehrtet, was sagt ihr im Himmel droben, zu den Stiefenkeln? Doch tröstet euch! Der Zorn tapfrer Ahnen im Todtenreich über die untapfre Nachkommenschaft ist nicht selten.

Nach zwei Tagen waren die Unterschriften vollzogen, die Franzosen liefen in den Hafen, und organisirten das Land. Wie weinten die Kinder der Ritter!

Flore und Ring stiegen, wie der Schiffer spricht, auch an den Wall, und besahen allerhand Merkwürdigkeiten. Rings Phantasie schwebte wonnig in die Tiefen der Vorzeit zurück, als er die kirchlichen, griechischen, ja phönicischen Alterthümer erblickte, die man hier vorzeigt; Flore hätte aber lieber einen neuen Anzug aus dem Palais-Royal gesehn, und war oft der Frage nahe, welche ein naiver Knabe, den sein Hofmeister unter herrlichen Versprechungen nach Rom geleitet hatte, im Museum des Vatikans that: Est ce que je m’amuse?

Die unkriegerischen Ritter hatten, wie man weiß, ewigen Krieg beschworen, und mußten also dem Pflichteide nach, ein wenig gegen die Türken kreuzen. Da hatte man denn hie und da über Kauffahrer einen stolzen Sieg getragen, und Gefangne gemacht, die sich zur Sklaverei auf Maltha bequemen mußten. Man fand deren einige Hundert vor, und nahm sie an Bord, um ihnen die Freiheit da zu geben, wo sie ihnen nützlich seyn konnte. Nicht wenig befremdete die armen Teufel eine wohl nie erwartete Großmuth.

Unter ihnen befand sich ein junger Muselmann Namens Coraim, von freundlichem gutmüthigem Ansehn, und aufgewecktem Sinn. Er hatte in La Valette etwas italienisch und französisch reden gelernt, und unterhielt die Gesellschaft des Schiffes, auf welches er gebracht worden war, das nämliche, wo sich Ring und Flore befanden, mit mancherlei Erzählungen. Man erfuhr auch bald, daß er ein Mährchenerzähler war, deren es im ganzen Morgenlande giebt, und welche die Stelle der Bücher vertreten. In Deutschland hat bekanntlich vor einigen Jahren ein großes Genie das Wort Kindlichkeit ausgesprochen, und wie gewöhnlich, wird ein so ausgesprochenes Wort von Tausend kleinen Genies nachgesprochen. Wohlan, man könnte wohl behaupten, daß die muselmännische Kindlichkeit in dem Behagen an Mährchen, keine geringe Nahrung finde, und von da bis zu dem Vorschlag einen solchen Gebrauch auch unter uns einzuführen, ist nur ein kurzer Schritt. Auch leuchtet ein, daß eine Mährchenerzählung bequem in derselben Stunde in Hundert Ohren zu tragen ist, wogegen das Buch, wenn es nicht in vielen Abdrücken gekauft wird, eine langsame Wanderung machen muß.

Der Wind blies nicht erwünscht, die Flotte wurde ziemlich im Meere aufgehalten. Desto mehr gab es der Langeweile, und jeder suchte einen Zeitvertreib. Denn der Blick ins Meer hinaus empfindet bald Einförmigkeit.

Flore lag dann meistens den Coraim um eine Erzählung an, und fand ihn immer willfährig, es mogte Tag oder Nacht seyn. Er glich darin nicht dem Verfasser der Tausend und Einen Nacht, bei dem die anmuthige Scheherazade immer angeredet wird: Wenn sie nicht schlafen, so erzählen sie uns doch eine von ihren allerliebsten Historien. Da aber einige junge Pariser noch spät an seinem Hause vorübergingen und riefen: Herr Galland, wenn sie nicht schlafen, so erzählen sie uns doch eine von ihren allerliebsten Historien, war der Mann sehr aufgebracht.

Zweites Capitel.
Coraims Erzählung.

Nachdem der Sklave einen ziemlichen Vorrath unglaublicher Berichte erschöpft, und seiner Hörer Einbildung mit Geistern, Riesen, Zauberern, Derwischen überfüllt hatte, theilte er auch die wahre Geschichte einer schönen Europäerin mit, die sich vor einiger Zeit in Cairo zugetragen hatte.

Ein Spanier segelte von Barzellona nach Egypten, weil er zu Cairo als Consul seiner Nation wohnen sollte. Man hatte nicht Frieden mit Algier, ein Corsar griff das spanische Schiff an, und ward Sieger. Die gefangene Mannschaft wurde nach seiner Heimath geführt, und auf dem Sklavenmarkte feil geboten.