Nicht ohne Zittern willigte Perotti ein. Aber eine gewisse Ahnung in seiner Seele bestimmte ihn zur Entschlossenheit.

Man tappte hinaus. Die einzelnen Wächter der Lagerkette sangen, dies verbarg das leise Rauschen der Fußtritte im Sand. Nicht lange darauf kam man bei einigen Reutern an, die den unternehmenden Späher erwarteten. Einer von ihnen mußte sein Pferd an Perotti geben, und so ging es im schnellen Galopp davon.

Wie man in das fremde Lager angekommen war, mußte Perotti etwas zurückbleiben, da sein Führer ihn erst anmelden wollte. Jener brauchte diese Zeit dazu, sich das Gesicht mit Erde zu beschmutzen, und sich möglich unkenntlich zu machen, denn er meinte: es sei wohl möglich, daß er hier gekannt wäre.

Es währte einige Zeit, bis der Beduin wiederkam. Er trug eine Fackel in der Hand. Neugierig blickte Perotti nach seinem Gesichte, aber ein tief in die Stirn gedrückter Turban, und ein bis über die Brust herabfließender Bart machten, daß nur wenige Züge kenntlich waren.

Die Fürstin ist geweckt, und ihr deine Ankunft berichtet worden, sprach Jener; folge zu ihrem Zelte.

Er ging mit der Fackel voran. Man kam durch lange Reihen von Pferden, welche theils schnarchend ausgestreckt lagen, theils wachend ihr Gras käuten, die Reuter lagen mitten unter ihnen, denn sowohl die Beduinen wie die Kalmucken halten mit dem edelsten der Hausthiere enge Freundschaft. Wachen waren in diese Gassen vertheilt, bei denen kleine Feuer brannten. Die Zelte der Vornehmen erhoben sich geordnet, und wurden durch Laternen, welche an ihrem Eingang hingen, auch in der Nacht sichtbar. Endlich gewahrte man der Königin Gezelt. Wie der Dom eines prachtvollen Tempels, zu einer Festlichkeit erleuchtet, ragte es empor, denn nicht nur seine Höhe erregte Staunen, sondern überall waren auch Laternen angebracht, welche rund umher den Platz erhellten, und alle Schildwachen zu Pferde, welche umhergestellt waren, und die blinkende Harnische bekleideten, sichtbar machten.

Die Stangen dieses Zeltes waren gerüstartig übereinander gestellt und gefügt, kunstreich die Thierhäute, welche seine Wände bildeten, verbunden. Der inwendige Theil bestand aus persischen Tapeten, und Fußteppiche in Natolien gefertigt, deckten den Boden. Die Anlage eigener Manufakturen hatte Gigi, wie wir wissen, noch wenig glücken wollen, sie ließ also die Kostbarkeiten von der Fremde hereinbringen. Einstweilen aber, bis ihre Städte eine vollendetere Gestalt zeigten, hatte sie Erfindungsgeist und Geschmack auf die Verfeinerung des nomadischen Lebens gewendet. Ein wandelnder Pallast war ihr Wohngebäude aus Häuten und Tapeten; stattlich prangten die ihrer vornehmen Beamten; bequeme und nette Einrichtung hatten die der Arbeiter; die Soldaten trugen ihre Kasernen stückweis mit fort, und so die Pferde ihre Stallungen. Nur jetzt, da man gegen den Feind stand, durfte letztere kein Obdach enthärten, und auch die Bereitschaft auf Kampf duldete kein Hinderniß.

In der That hat das Nomadisiren für die Einbildungskraft viel Anziehendes. Wenn man die Tavernier, Niebuhr, Savary, über die Wanderer in Egypten und Arabien liest, und mehr noch die Wytsen, Georgi, Haygold, Reineggs, Pallas u. s. w. über die am Caucasus, im kabardinischen und Truchmenen-Lande, Turkestan, der Bucharei, so gewinnt das Bild einer reisenden Stadt einen wesentlichen Vorzug, gegen das traurige Einerlei unserer festen dumpfen Wohnplätze. Welch ein heiteres, gesundes, an mannichfacher Abwechslung reiches Leben, unter Zelten, auch in der kultivirten Welt! Grade hier könnten die Künste ja seine Bequemlichkeit so erhöhn. So schützte z. B. das Tränken mit elastischem Harz die Leinwand gegen Nässe. Im Winter lagerte man zwischen Bergen, die die rauhe Luft abwehrten, bei Wäldern, um keinen Mangel an Feuerung zu leiden. Camine lassen sich gar wohl in Zelten anbringen, oder man gräbt in dieser Jahreszeit sich etwas in die Erde. Im Frühjahr bezöge man anmuthige Höhen, den Anblick der Naturverjüngung ins Weite zu genießen, und nicht durch die viele Feuchtigkeit belästigt zu sein. Der Sommer würde an See- oder Stromufern hingebracht, Kühlung und Bad in der Nähe zu sehen — — doch es tönen so viele Aber entgegen, daß man gern von dem Traume endet.

Perotti wurde nun in einen Vorsaal des Zeltes geführt, der wohl erleuchtet war. Die Leibwache der Heldin schimmerte in leuchtenden Kürassen, denn Gigi hatte zu viel Geschmack, Krieger mit rothen, weissen, gelben Lappen herauszuputzen, und so unkräftig wenn sie nicht, wie die Europäer, die feiger gegen die Last einer heilsamen Trutzwaffe sind, wie gegen den Schuß einer Flinte oder Stich und Hieb der Seitengewehre.

Nachher gelangte man in das innre Zimmer. Auf einem erhöheten Polster saß Gigi, angethan mit einem mehr männlichen als weiblichen Nachtkleide, von ausgewählter Eleganz. Ueber ihr Gesicht hing aber ein dichter Schleier nieder. Nur ein Helldunkel war verbreitet, also konnte man die Umrisse der Gestalt nicht deutlich erkennen.