Flore machte das Gegenkompliment: wie sie ihr unendlich vielen Dank zu sagen hätte, denn ihre Ankunft gewähre ihr das Glück, einer lange sehnlich gewünschten Bekanntschaft.
Isabelle dankte für ihre Güte, und sprach: wenn ich bleiben darf, werde ich mich und meine Beduinen ganz unter eure Befehle stellen. Ihr seid Herrin!
Flore antwortete: Seid es mit mir! Wohnplätze giebt es genug, und die reizendsten von der Welt. Noch um eine zwiefache Zahl kann das innre Darkulla bevölkert werden, seitdem die letzten Kriege so viel Leben raubten. Nun blühe der Oelzweig immer. Tragen wir nur Sorge, daß Harmonie unter den beiden Nationen besteht. Ist irgendwo der schöne Traum des Abt St. Pierre zu verwirklichen, so laden die Dinge hier dazu ein.
Diese sinnigen Gegenartigkeiten führten zum Wechselvertrauen, und dies bald zu großmüthiger feuriger Freundschaft. Flore redete davon, wie sie es bald bei den schwarzen Machthabern im äußeren Darkulla dahin bringen wolle, daß alle Beduinenhaufen, welche noch zerstreut umherschwärmten, ungehindert in das Felsenland gelassen würden, wie auch die Weiber und Kinder in den noch übrigen Lägern. Das erweckte allgemeine Freude unter den Arabern. Dann schlug sie vor, bald nach der anmuthigen Hauptstadt zu eilen, womit Isabelle sehr zufrieden war. Von dort, sprach Flore, leitet sich alles wegen der Ansiedlungen am besten, ich kann euch auch anständiger bewirthen, und dann — vor allen Dingen — ein Geschäft, bei welchem ich auch die Sorge mit Niemand theilen werde — vor allen Dingen muß ich Anstalt zu einem hohen zärtlichen Feste treffen, das doch wohl bald gefeiert werden wird. Nicht wahr, schöne Isabelle?
Isabelle lächelte hoch erröthend. Coutances schlug die Augen nieder, eine Bewegung, welche ein Franzos nicht leicht macht, er müßte denn wahrhaft verliebt seyn.
Da das innre schöne Darkulla von vielen Teichen und kleinen Seen durchschnitten war, die durch Ströme und Kanäle verbunden wurden, so bediente sich das Sultanshaus zu Reisen, die eben keine Eile hatten, einer schwimmenden Insel, wie es deren auf den Gewässern viele gab. Sie waren nicht, wie in China, künstlich verfertigt worden, sondern die Natur selbst hatte Stücken Torfmoor vom Lande getrennt, durch Winde war nach und nach mehr Erde hinauf geweht, wie auch Saamenpflanzungen. Wer sich ein so liebliches Eiland zugeeignet hatte, machte es durch schattige Bäume, edle Früchte, Lauben von Blumen und Trauben noch lieblicher. Eine inländische Gattung von Schwänen, sehr empfänglich für Unterricht, wurde erzogen, diese kleine Inseln, an die man sie mit Guirlanden von Lotosranken band, gemächlich fortzurudern.
Nichts entzückender wie so eine Reise. Man schifft sich ohne alle Sorge für Unterhalt ein, von Bäumen aller Farbe, mit Blumenduft jeder Art bewillkommt. Am Fuße dieser Bäume verflechten sich erquickende Melonen, Bignonias, saftige Trauben ranken von Zweig zu Zweig hinauf, und bieten dem Pilger freundliche Labe dar. Grotten, Wölbungen und Hallen, bildeten Gesträuche mit Blumengewölken überhangen. An den Zweigen, die sich liebkosend zu den Wellen beugen, zieht man köstliche Meerspinnen, Austern, und andre buntfarbige Schaalthiere hinauf, in dem dichteren Geflechte fanden die Reisenden ohne Mühe die erlesensten Gattungen der Fische. Auf den balsamhauchenden Wipfeln der Bäume setzt sich Geflügel aller Art, das der Gefahren nicht gewohnt, kaum nachlässig weghüpft, wenn eine menschliche Hand ihm naht, man würde also auch thierische Nahrung nach Bedarf finden. Allein die ganze Empfindung ist den Wanderern zu harmlos gestimmt, als daß sie tödten könnten. Frommen Braminen gleich, dienen nur Früchte zu ihrer Nahrung, und so gewürzhaft, so in Fülle des reinsten Nahrungsstoffes, wie diese sind, würde auch ein Lukull, wenn er von den Schatten wiederkehrte, hier vergnügt sein, für seine Pfauenzungenragouts entschädigte ihn eine Cocosnuß mit einem Gemisch aller öhligten balsamischen Fruchtkerne und edler Würzen, das hier sogleich anzufertigen ist, und seinen Falerner, unter Consul Torquat gepreßt, würde er vergessen, wenn er hier eine nektarische Traube in eine Muschel drückte.
Das Eiland, welches Flore hier zur Reise bestimmte, glich ungefähr an Umfang und Gestalt der Remusinsel in Rheinsberg, nur daß die südlichen Früchte dort prangten. Wer also zu Rheinsberg war, kann sich ein desto vollkommneres Bild von jener entwerfen, und urtheile, ob Flore, Isabelle, Alonzo, Coutances, und die treuen Diener bequemen Platz darauf fanden. Der Untreue sollte im Anfange nicht mit, fand aber hernach Milde, wie der Verfolg darthun wird.
Ende des sechsten Buches.