Zweites Kapitel.
Fortsetzung.
Man war eingeschifft, die Schwäne zogen. An der einen Seite stand eine wunderschöne Laube, von tausend Blumenzweigen geflochten. Hier nahmen Isabelle und Coutances Platz, und waren gar nicht da wegzubringen, so viel hatten sie sich zu sagen, so wenig kümmerte sie, was weiter um sie vorging, so ganz gnügten sie sich nach Art der Liebenden. Bald erzählten sie einander von der traurigen bangen innigen Sehnsucht, die sie gefühlt, wie sie vom Wiederverein wachend und schlummernd geträumt, wie sie unter den Sternen des Nachthimmels Zeichen der Liebe gesucht, aus den Mondstrahlen, die durch die Cocospalme winkten, Hieroglyphen der Liebe geflochten, im Liede der Luftsänger Gruß der Liebe vernommen hätten; dann schwuren sie sich wieder, daß die Phantasie, welche die reitzendsten Gottheiten der Griechen erfand, die Heiligen, welche den Himmel offen gesehn, nicht die Wollust empfunden hätten, welche sie nun empfänden, wieder beisammen zu sein. Ein Theil freute sich über den leicht gefundenen schönen Ausdruck des andern, und seine hochfliegende poetische Uebertreibung, die aber den Funken der Beredsamkeit wieder aus dem eignen Herzen schlug, daß die Hyperbeln zu Schaaren Leben traten[3]. So daß ältliche Männer, die es angehört, tödliche Langeweile empfunden hätten, nicht aber ältliche Frauen, denn in Weibes Brust sterben die Erinnerungen an die schöne Liebe nicht, und wecken die Theilnahme.
Flore unterdessen nahm mit Alonzo mancherlei Abrede über die Feierlichkeiten, die sie veranstalten und die Ausführung eines Entschlusses, der den Feierlichkeiten folgen sollte. Mit Imar und Musa wurden die Masregeln überlegt, wie die Weiber und Kinder der Beduinen sicher hereinzuschaffen, und denn die bräunlichen und schwarzen Einwohner so zu befreunden, und zu verbrüdern wären, daß Abneigung und Eifersucht keinen Raum gewönnen. Musa brachte eine Sendung an die Machthaber draußen in Vorschlag, welche eine Entsagung Florens auf die Länder außer den Felsen kund thäte, worauf jene denn wohl zur Willfahrung ihres Verlangens geneigt sein würden. Flore war vollkommen damit zufrieden. Imar meinte: eine ähnliche Botschaft müsse von Seiten der noch immer gefürchteten Gigi geschehn, und dem Reiche Habesch ohne Vorbehalt auf andre Zeiten abgetreten werden, was ihr Schwert einst erobert hätte, so würde man die Weiber und Kinder, welche in ihren Händen wären, gern ziehn lassen. Flore konnte zusagen, daß Isabelle freudig einwilligen werde, Musa und Imar erboten sich aus eignem Antriebe, die Rollen der Abgesandten zu übernehmen, womit Flore auch Ursache hatte, einverständig zu sein.
So verstrich die Zeit, und die blühende und fruchttragende Barke glitt weiter auf der klaren Silberfluth. Unterhielt man sich nicht, so labten die köstlichen Genüsse, welche das wandelnde Paradies darbot. War man da ersättigt, schweiften die Blicke nach den Ufern umher, und einer machte den andern aufmerksam, auf die immer erneute Abwechslung der Aussichten, auf die Verschönerung der Gegenden, je näher es zur Hauptstadt hinging, auf die zauberische Wirkung bald der Morgenröthe, bald der Abendsonne, bald des traulichen Mondlichts, bald der hellstrahlenden Planeten und großen Fixsterne, deren Licht, wegen der südlichen Klarheit der Luft, weit verklärter leuchtete, wie im gemäßigten Erdgürtel. Und das alles wurde von Menschen genossen, denen von Außen Freude des Schicksals lächelte, und in deren innerer Welt die Harmonie der Zufriedenheit tönte. Glückselige Tage!
Indessen besuchte Kaiser Joseph II. einst eine Abtei an der Donau. Das Kloster, oder vielmehr der Klosterpallast, ist auf einer Erhöhung gebaut, die hart an die Donau reicht. Der katholische Clerus hat bekanntlich von jeher viel Geschmack in Anlage seiner Niederlassungen offenbart. Aus den Wohnzimmern entdeckt das Auge eine Pracht der Aussicht, welche jeden fühlbaren Ankömmling hinreißen muß. Joseph, entzückt und begeistert, sagte dem Abte: Ich beneide sie! Was befremden konnte, da es ja nur bei dem Kaiser stand, die geistlichen Herrn wo anders zu siedeln, und ein Lustschloß aus dem Kloster zu machen. Der Abt antwortete ziemlich trocken: man wird es gewohnt, Ew. Majestät.
So erging es, mit Ausnahme der Verliebten, auch unserer Reisegesellschaft. Paradies, immer Paradies, toujours perdrix, das frommt endlich der menschlichen Natur nicht, und es ist daher sehr ersprießlich, daß die Hoffnung einer himmlischen Wonne, die vermuthlich dauernder ist, uns winkt, wenn wir einst die seligen Gefilde beziehen sollen. Sie sahen sich also nach anderem Vertreib desjenigen, was der Mensch widersprüchlich so heiß liebt, der Zeit, um. Besonders Flore, sie war ohnehin derjenige Theil unter allen, den die Gegenwart am wenigsten kettete, und der die meisten Wünsche in die Ferne trug.
Da wurde denn also Signor Perotti, der keck und unverschämt ihr wieder nahte, mit Schwänken beliebt, und bat nicht umsonst, um die Stelle des Reisespasmachers. Man entdeckte sogar noch manche unbekannte Talente bei ihm, so konnte er aus der Tasche spielen, und wußte von dem, was ihm aus der Physik bekannt war, einen so erlustigenden Gebrauch zu machen, wie sein berühmter Landsmann, der sehr in Eifer gerieth, da ein Professor in Berlin seine Wunder erklärte.
Unter andern mußte er denn auch Fragmente aus seiner Lebensgeschichte erzählen, die bunt genug ausfielen. Auch mahnte ihn Flore, daß er ihr einst habe von der Reise Nachricht geben wollen, die er in die unbekannteste Tiefe von Afrika gethan, nach dem Abentheuer in Darfur, Isabellen suchend. Er entgegnete: Es wurde zeither immer vergessen, da aber die gegenwärtige Muße besonders einladet, so mögt ihr vernehmen.
[3] Ein gewisser deutscher an Bildern vorzüglich reicher Dichter heirathete, mit Fülle der Liebe. Doch nach kurzer Zeit — kam es zur Scheidung. In seinem Namen wurde folgende Elegie gefertigt: