»Dir geb' ich noch was zu!« sprach der also Gehöhnte, und der Wächter fühlte einen Faustschlag im Nacken, daß er taumelte, während der andere durch die Pforte ins Freie entwich.
Kaum aber war der Ritter auf der Brücke, auf die aus den zerreißenden Wolken etwas helleres Licht fiel, als er hinter sich den lauten Notruf des Wächters vernahm, den dieser auf seinem Horne blies. Er beschleunigte seine Schritte und streifte im Gehen die Mönchskutte ab, sie über den Arm hängend. Im Panzerhemd, das er trug, konnte er nun freier und rascher ausschreiten und tat dies auch, die linke Hand am Schwertgriff. Jetzt ließ er einen gellenden Pfiff auf dem Finger erschallen, worauf aus nicht zu großer Entfernung derselbe Ton als Antwort klang. Dann näherte sich schnell doppelter Hufschlag, und bald hielt ein gleichfalls gepanzerter und bewehrter Reiter vor ihm, der noch ein leeres Pferd am Zügel führte.
»Nun, wie steht's?« frug der Reiter.
»Er muß heiraten, anders kein Ausweg!« erwiderte Herr Bligger, während er sich in den Sattel schwang. »Aber jetzt vorwärts! Der Torwart hat mich erkannt und schlägt Lärm; wir werden sie bald hinter uns haben, und da kommt schon der Mond hervor.«
Die Reiter gaben ihren Rossen die Sporen und preschten die Straße stromaufwärts am Neckarufer dahin. –
Der Torwart hatte sich nicht geirrt und den scheinbaren Mönch bei seinem rechten Namen genannt, der in Heidelberg sehr wohl bekannt war, aber nicht sonderlich gut angeschrieben stand, was der Träger dieses Namens auch ganz genau wußte.
Die Herren von Steinach waren ein ritterliches Geschlecht, dessen Ursprung zwar, wie der so vieler Adelsgeschlechter, in Dunkel gehüllt war, von dem aber schon Urkunden aus der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts reden. Sie genossen eines weit verbreiteten Ansehens, erfreuten sich eines großen Besitzes und hatten vielfach Hofämter und hohe Kirchenwürden inne gehabt. Einer der ihrigen, auch ein Bligger von Steinach, war ein berühmter Minnesänger gewesen, der im ersten Viertel des dreizehnten Jahrhunderts blühte. Wahrscheinlich ihm zu Ehren führten die Nachkommen eine schwarze Harfe in goldenem Felde im Wappenschilde. Der Ruhm aber, den sich die Enkel erworben hatten, war etwas zweifelhafter und anrüchiger Natur, denn sie lebten zumeist aus dem Stegreif, und manches Schiff, das auf dem Neckar, mancher Frachtwagen, der auf der Landstraße von Heilbronn nach Heidelberg oder in umgekehrter Richtung fuhr, hatte ihre dreist zugreifende Hand fühlen müssen. Einer von ihnen, namens Ulrich, hatte das Räuberhandwerk so arg getrieben, daß ihm das Volk, weil er dem Lande so großen Schaden zufügte, den Schimpfnamen »Landschaden« beilegte und der Kaiser die Reichsacht über ihn verhängte. Vogelfrei, wie er nun war, nahm er an einem Kriegszuge gegen die Ungläubigen teil, schlug einem gefürchteten Anführer der Sarazenen das Haupt ab und brachte es dem Kaiser zur Sühne, so daß dieser ihn wieder zu Gnaden aufnahm und ihm erlaubte, einen gekrönten Sarazenenkopf als Helmzierde im Wappen zu führen. Den Namen Landschaden aber behielt er und sein Folgegeschlecht für alle Zeiten bei, und die tapferen Degen sorgten auch ferner durch ihr Tun und Treiben dafür, daß die Bedeutung dieses Namens nicht in Vergessenheit geriet.
Zurzeit lebten drei Brüder des Geschlechtes, Bligger, der älteste, Konrad, der jüngste, beide verheiratet und mit Kindern gesegnet, und, dem Alter nach in der Mitte zwischen diesen beiden, Hans, jener Hagestolz, um dessentwillen Bligger sich in die ihm feindlich gesinnte Stadt hinein gewagt hatte. Diese drei Brüder besaßen vier Burgen, die nahe beieinander über dem Städtchen Neckarsteinach auf den Bergen des rechten Flußufers standen. Bligger wohnte in der größten, der Mittelburg, die mit der kleinen Vorderburg durch eine Zugbrücke verbunden war; Konrad hauste auf der Hinterburg und Hans endlich auf Burg Schadeck, vom Volke auch das Schwalbennest genannt, weil sie hoch, frei und keck über dem Tale wie ein angeklebtes Nest an einem schroffen Felsen hing.
Dort lebten sie keineswegs einsam und abgeschieden, ohne ebenbürtige und gleichgesinnte Nachbarn; vielmehr waren innerhalb der nächsten vier oder fünf Meilen von Neckarsteinach stromaufwärts die bewaldeten Höhen zu beiden Seiten des vielgewundenen Tales mit stattlichen und von ritterlichen Geschlechtern bewohnten Burgen besetzt, wie sie in solcher Zahl auf so kleinem Raume nirgend anders, auch nicht am Rheine, zu finden waren. Neckarsteinach gegenüber lag auf hohem Kegel die Veste Dilsberg, der Sitz des kurpfälzischen Gaugrafen über den Kraich-, Enz- und Elsenzgau; dann folgten stromauf die Burgen Hirschhorn, Eberbach, Stolzeneck, Zwingenberg, Minneburg, Dauchstein, Hornberg, Horneck, Guttenberg und Ehrenberg, eine immer gewaltiger, als die andere, und jede mit Dörfern und Höfen und weiten Waldungen als Eigentum versehen oder als erbliches Lehen bedacht.
Die mächtigsten, reichsten, aber auch gefürchtetsten aller Burgherren des Neckartales waren die Landschaden von Steinach, und wenn sich Herr Bligger auch nur bei Nacht und als Mönch verkleidet in die Stadt Heidelberg hineinschlich, so war das immerhin schon ein sehr gewagtes Spiel für ihn, denn er hatte eine böse Rechnung bei ihr auf dem Kerbholz. Darum suchten jetzt die beiden Brüder möglichst rasch von dannen zu kommen und ritten in schlankem Trabe durch die vom Monde mehr und mehr erhellte Nacht heimwärts, ohne miteinander zu reden, ein jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.