Ach, sie wußte wohl, daß Gebet und Gelübde umsonst waren; ihr blieb kein Schimmer von Hoffnung auf sein Wiederkommen.

Schon mehrmals hatte sich ihr in der Abenddämmerung ihres einsamen Zimmers ein aus dem Dunkel heranschleichendes Gespenst genaht, dessen Geisterhauch sie mit kaltem Schauder spürte. Anfangs hatte sie die Kraft besessen, den Dämon mit frommer Entrüstung von sich zu weisen, doch er kehrte wieder, wich und wankte nicht und hängte sich an sie wie ihr Schatten. Sie gewöhnte sich an ihn, befreundete sich mit ihm, und bald erschien er ihr nicht mehr als Dämon, sondern als ein Erlöser aus folternden Qualen. Es war der Gedanke, aus dem Leben zu scheiden, da Eike von ihr geschieden war, und endlich reifte der Plan zum Entschluß, über dessen Ausführung in einer unentdeckbaren Weise sie nun ernstlich nachsann.

Ein Dolchstoß ins Herz würde sich als eigene Tat offenbaren und schonungslose Fragen nach dem Beweggrunde zur Folge haben. Es gab steil abfallende Felsen hier in der Umgegend, und ein Fehltritt würde den Absturz erklären, aber das war ihr nicht sicher genug; dabei könnte sie sich, statt die Vernichtung zu finden, vielleicht nur eine mäßige Verletzung zuziehen, mit der ihr nicht gedient war. Sie dachte an die ägyptische Königin Kleopatra, die sich eine Schlange an den Busen setzte, aber die Schlangen waren ihr ein zu widerwärtiges Gezücht, und es gab ja noch andere Gifte als Schlangengift. Ha! jetzt hatte sies.

Großmutter Suffie, die das Gras wachsen hörte, die Sprache der Vögel verstand, die Säfte aller Pflanzen kannte und damit Menschen gesund und krank machen konnte, die sollte ihr raten und helfen. Ohne Säumen trat sie den Weg zur Talmühle an. –

Die Gräfin und die uralte Müllerin waren seit Jahren schon gute Nachbarn und Gefreunde. Gerlinde hatte die in vielen Dingen Wohlbewanderte öfter besucht, sich an ihrer abergläubischen Spruchweisheit ergötzt und ihre nützlichen Winke über Landesbrauch und Gewohnheit, Hausarzneien und Heilmittel nicht zu ihrem Schaden befolgt. Suffie hatte ihr immer willig des langen und breiten Auskunft gegeben, und zu diesen Unterredungen ließen sämtliche Beutlings nach ehrfürchtiger Begrüßung der Herrin die zwei stets unter sich allein in der Stube.

Suffies faltenreiches Gesicht glänzte in Freuden auf beim Erscheinen der Gräfin, und kaum daß diese Platz genommen hatte, wurde sie von der Geschwätzigen mit einem Schwall von Fragen überschüttet, wie sie den Sommer verlebt, ob sie fleißig gestickt, täglich Harfe gespielt und gesungen und was sie sonst noch getan und getrieben, da sie sich seit undenklicher Zeit nicht in der Mühle hätte blicken lassen. »Freilich,« fügte sie, ohne auf die Antwort zu hören, hinzu, »Ihr habt einen Gast im Schlosse, einen vornehmen, jungen Ritter, der Euch geflissentlich mit minniger Kortasie aufwarten wird. Da ist es nicht zu verlangen, daß Ihr Euch auf eine alte, verschrumpelte Unke besinnt wie ich bin.«

»Unkenhaft schaut Ihr nicht aus, Großmutter,« versicherte die Gräfin. »Schon das lustige Gefunkel Eurer Augen straft Eure Worte Lügen.«

»Die Augen, ja, die tun noch allweg ihren Dienst,« versetzte Suffie. »Ich erkenne noch genau, wohin die Wetterfahne oben auf Eurem Dache zeigt.«

Auch vom Grafen Hoyer, von Wilfred, von Melissa und noch mehreren ihres Hofstaates mußte Gerlinde erzählen, denn die neuigkeitsüchtige Alte wollte über alle Burgbewohner auf dem laufenden erhalten sein.