»Achtundzwanzig.«
»O da habt Ihr ja noch ein ganzes, langes Leben voll Glück und Freuden vor Euch.«
Gerlinde schwieg und blickte verlegen zu Boden. Dann bat sie, ihr das Aussehen der Tollkirschen zu schildern, und lauschte der Beschreibung mit größter Aufmerksamkeit.
Suffie belehrte sie: »Es ist ein krautartiger Strauch, etwa eine Elle hoch, mit länglichen, zugespitzten Blättern und glänzend schwarzen Beeren. Den müßt Ihr mitsamt den Wurzeln ausgraben, denn die Wurzeln und die Blätter sind das Giftigste an ihm, nicht die Beeren. Also nur die Wurzeln und die Blätter müßt Ihr in Wasser zu einem dicken Brei einkochen und etwas Speck dazutun. Wenn davon so ein liebes Tierchen nur ein Fingerhütlein voll nascht, dauert es keine Stunde, und es streckt alle Viere von sich.«
»So rasch wirkt es?«
»So rasch geht es, so stark ist das Gift,« nickte die Sachverständige. »Ihr müßt deshalb mit aller Fürsichtigkeit dabei zu Werke gehen und Euch dann gleich die Hände waschen, denn wenn Ihr nachher beim Sticken an den Finger leckt, um die Seide in das Nadelöhr zu fädeln, könnte es leicht um Euch geschehen sein. Aber Ihr werdet ja das Kochen nicht selbst besorgen.«
»Doch, ich möchte keinen meiner Leute einer solchen Gefahr aussetzen,« fiel Gerlinde geängstigt ein. »Ich habe in meinem Schlafgemach eine kleine Weingeistlampe, auf der ich mir zuweilen ein Tränklein gegen Heiserkeit beim Singen braue.«
»Gut, desto besser! dann bleibt das feine Mittelchen unter uns. Sagt's niemand, daß ich es Euch angeraten habe,« raunte Suffie.
»Ach nein! ich werde – stumm sein,« gab ihr Gerlinde ernst zur Antwort. »Laßt auch Ihr niemals verlauten, daß ich Euch danach gefragt habe, niemals!« Sie erhob sich, drückte der Alten die knöcherne Hand und sprach: »Habt Dank, Großmutter Suffie, und – lebt wohl!«