»Was hat er denn ausgefressen?«
»Sie hatten im Kloster einen schwarzen Pudel; den hat sich der Bengel aus reinem Übermut eines Tages vorgenommen und ihm heimlich eine regelrechte, kreisrunde Tonsur von einem Ohre zum andern geschoren, kahl bis auf den Schädel. Die Patres waren natürlich empört über dieses Sakrileg, das nicht ungerochen hingehen durfte.«
»Aber wie wurde denn der Verbrecher entdeckt?«
»Durch den Pudel selber. Dieser war zu allen im Kloster, Mönchen und Schülern, freundlich und zutulich. Von Stund an aber benahm er sich gegen Wilfred äußerst feindselig und bissig und ließ sich nicht mehr von ihm anfassen. Das fiel auf, und in ein gründliches Verhör genommen, mußte der Bösewicht nach hartnäckigem Leugnen seinen Frevel endlich eingestehen. Da wurde er erst so lange in den Karzer gesteckt, bis dem armen Pudel seine geschorene Platte wieder dicht und krauswollig zugewachsen war, und dann von der Klosterschule relegiert. Darauf hat er sich, ich weiß nicht wie lange, als Vagant in der Welt umhergetrieben, bis er plötzlich abgerissen und verlottert auf dem Falkenstein erschien und um Aufnahme bettelte. Ich ließ mich erweichen und nahm den windschaffenen Gesellen in Erinnerung an die treuen Dienste seines Vaters in Gnaden wieder auf, und seitdem hat er sich während der ganzen Zeit hier nichts zuschulden kommen lassen. Den sollst du zum Schreiber haben, Eike, aber paß ihm auf die Finger, rat' ich dir. Wann wirst du dich einfinden?«
»Ich denke, in einigen Tagen, Herr Graf,« versprach Eike. »Ich muß zuvörderst mein Haus bestellen und meine Schriften ordnen. Dann komme ich mit Sack und Pack bei Euch eingeritten.«
»Bist allstunds willkommen, aber jetzt muß ich weiter. Hilf mir auf!«
Eike unterstützte den Grafen mit seiner jungen Kraft. Als dieser aber auf den Füßen stand, drückte er die Hand aufs Herz und sagte: »Ich kann nicht länger gehen, ich muß in den Sattel. Vor vierzehn Jahren traf mich auf einem Turnier in Frankfurt ein Lanzenstoß, der das Herz streifte und die Lunge berührte. Davon ist mir eine Herzschwäche zurückgeblieben, die sich mit dem zunehmenden Alter immer häufiger und stärker fühlbar macht. Lange Zeit hat sie mich verschont gelassen, aber heut ist sie wieder im Anzuge, wahrscheinlich veranlaßt durch das andauernde Trinkgelage in Wernigerode. – Ich habe mein Hifthorn nicht bei mir; kannst du auf dem Finger pfeifen, Eike?«
»Versteht sich, Herr Graf!«
Ein gellender Pfiff Eikes durchdrang die Stille des Waldes, und sofort ertönte von fern auch die Antwort in derselben Weise. »Das ist Folkmar, der auf uns wartet,« sprach der Graf.
Bald hörten sie Hufschlag und sahen den Reitenden mit den Pferden nahen.