»Folkmar, du bringst weniger als nichts, du bringst etwas Unangenehmes« sagte der Graf stirnrunzelnd. »Was ist geschehen?«

»Herr Graf, der Ritter Dowald von Ascharien ist soeben angekommen,« meldete der Diener mit einem Gesicht, so grämlich wie drei Tage Regenwetter.

»Daß dich der Donner und Hagel erschlag!« brauste der Graf zornwütig auf. »Ist denn die Zugbrücke noch nicht aufgezogen?«

»Goswig wollte es eben tun, da war aber der Ritter mit seinem Rosse schon mitten darauf.«

»Was? zu Rosse ist er? aus wessen Stalle mag er sich das wohl ge–liehen haben! denn geschenkt hat es ihm niemand und verkauft erst recht nicht,« brummte der Graf. »Und heute just! daß er uns gerade heut auf den Hals kommen muß! Wo steckt er denn nun?«

»Er bittet, sich erst umkleiden zu dürfen, ehe er vor den Herrschaften erscheint, denn so wie er wäre, könnte er sich nicht zeigen,« erwiderte Folkmar.

»Das will ich ihm unbesehen glauben; es wird mit seiner Ausstaffierung schäbig genug bestellt sein,« höhnte der Graf. »Schaff' ihn in das kleine Turmgemach und hilf ihm, brauchst dich aber damit nicht zu beeilen. Melissa mag uns inzwischen bedienen, denn warten werden wir auf den alten Schmarutzer nicht, und sie soll nun die gewöhnlichen, zinnernen Becher aufsetzen.«

Des Grafen Freude war zerstört, seine gute Laune dahin. »Dieser Dowald von Ascharien,« wandte er sich zu Eike, der das alles staunend mit angehört hatte, »ist ein fahrender Ritter, ein edles Blut, das wenig hat und viel vertut. Er nennt sich einen Vetter des Fürsten von Anhalt, mit dem er aber nur sehr weitläufig versippt ist und vor dem er sich seines verworfenen Umhertreibens wegen nicht blicken lassen darf. Er besaß früher einen kleinen Hof bei Aschersleben, der ihm jedoch längst abgepfändet worden ist, hat nicht Hind, nicht Kind, ist ein unleidlicher Schwätzer, bis über die Ohren verschuldet und kriegt nirgend mehr einen Heller geborgt. Nun brandschatzt er alle Burgen im weitesten Umkreise, pokuliert und prahlt mit den unglaublichsten Abenteuern, in denen er selbst stets den siegreichen Helden spielt. Daneben behauptet er, überall eingeladen zu sein, aber wer sein Nahen wittert, läßt schnell die Brücke aufziehen und verleugnet sich vor ihm, denn wo er sich einmal zu Labe und Ruhestatt eingenistet hat, da wird man ihn sobald nicht wieder los.«

Graf Hoyer wäre in dieser wenig schmeichelhaften Schilderung noch fortgefahren, wenn der so übel Beleumundete jetzt nicht geräuschvoll in den Speisesaal eingetreten wäre, wo sich die drei bereits zu Tische gesetzt hatten. Während er fast stürmisch die Gräfin überfiel, die seinen sprudelnden Wortschwall sehr gelassen hinnahm, flüsterte der Graf, mit einem tadelnden Seitenblick auf den achselzuckenden Diener, Eike zu: »Das nennt er sich umkleiden! einen Rock von mir hat er angezogen, den ich nun niemals wiedersehe.« Dem Grafen schüttelte Ritter Dowald die Hand, als ob er sie gar nicht wieder loslassen wollte, und als er mit Eike die unumgängliche Begrüßung tauschte, betrachtete er diesen mit mißfälliger Miene wie einen hier sehr Überflüssigen.

Er war fast kahlköpfig mit einem roten, gedunsenen Gesicht, rechts und links lang starrendem, grauweißem Schnurrbart und von vierschrötigem Gliederbau. Ohne eine Aufforderung dazu abzuwarten, ließ er sich an dem inzwischen für ihn gedeckten Platze nieder und griff sofort nach allem gierig zu, was an Speise und Trank aufgetragen war. Dabei sprach er so viel, daß niemand ein Wort dazwischen reden konnte, berichtete, von wannen er käme und daß man dort vergeblich alles aufgeboten, ihn noch länger zu halten; aber eine unbezwingliche Sehnsucht nach seinem lieben alten Freunde Hoyer hätte ihn hergetrieben, wozu der Graf ein sauersüßes Gesicht machte und die Gräfin ein spöttisches Lächeln nicht unterdrücken konnte.