»Trinken und träumen, Herr Graf! weiter nichts. Der Stuhl ist frei, der Becher aber nicht.«
Verwundert schaute Graf Hoyer den Jüngeren an und ließ sich, ohne eine Erklärung der ihm unverständlichen Rede zu fordern, auf dem unbesetzten Schemel nieder.
Er war ein Mann von mittelgroßer Gestalt mit grauem Haar und mochte wohl sechzig Jahre oder mehr auf seinen breiten Schultern tragen. Aus seinem durchfurchten Gesicht mit buschigen Brauen über den herrisch blickenden Augen sprach befehlerische Willenskraft.
Die Wirtin brachte einen dritten Becher, den Eike sofort mit Wein aus dem irdenen Kruge füllte, worauf die beiden Herren sich freundlich zutranken.
»Haben uns lange nicht gesehen, Eike!« begann der Ältere.
»Seit etwa zehn Jahren nicht, Herr Graf!« erwiderte der Jüngere.
»Aber ich kenne dich schon aus der Zeit her, da du die Kinderschuhe noch nicht ausgezogen hattest und mir mit dem Scheitel kaum an die Hüfte reichtest,« bemerkte Graf Hoyer. »Das war, als ich meinen lieben Freund, deinen Vater – Gott hab' ihn selig! einmal in Reppechowe besuchte. Da hab' ich dich auf meinen Knien reiten lassen. Das rechte war dein Schlachtroß, das galoppieren mußte, weil du mir das Schienbein weidlich mit den Hacken sporntest, und das linke war dein Reisegaul, auf dem du hin und her schwanktest, weil er, wie ich dir weismachte, einen sehr holprigen Feldweg trotten mußte. Erinnerst du dich?«
»Gewiß!« bejahte Eike die Frage. »Und nicht lange danach war ich einmal bei Euch auf dem Falkenstein, wohin mein Vater mich mitgenommen hatte. Da zeigtet Ihr mir auf dem Burghofe den Ziehbrunnen mit dem Haspel und dem Eimer an einer eisernen Kette und sagtet mir, daß er über zweihundert Fuß tief wäre und da unten ein Neck hauste, den man zu Zeiten lustig plätschern und singen hörte, was dann immer als Ankündigung von etwas Erfreulichem aufgefaßt würde. Manchmal aber rumorte er auch unwirsch, und dann wäre stets ein Unheil im Anzuge. Ihr warntet mich auch, einen Stein in den Brunnen zu werfen, denn das erboste den Neck, und dann würde er tückisch.«
»Stimmt alles,« sagte der Graf, »nur daß ich den Neck niemals singen oder rumoren gehört habe. Es ist ein Märlein, wie so viele hier im Harz erzählt werden. Vor allem künde mir eines, Eike!« fuhr er dann fort, »hast du daheim ein liebes Weib?«