Während er ihr nun in dem einen Punkte nicht nachgab, warb er bei allen anderen Gelegenheiten des täglichen Umganges mit desto größerer Beflissenheit um ihre Gunst, die sie ihm auch, holdselig dazu lächelnd, reichlich zuteil werden ließ. Dabei wehrte er sich nicht gegen den Eindruck, den ihre sinnberückende Erscheinung und ihr liebenswürdiges Wesen allstunds auf ihn machte. Er folgte mit den Augen allen ihren Bewegungen, zumal ihrem schwunghaften, federnden Schreiten, das in den Gemächern wie im Freien etwas leicht Schwebendes und Hoheitliches hatte.
Diesen Eindruck, der so stark war, daß Eike ihn nicht verhehlen konnte, wurde Gerlinde bald gewahr, und, ob auch weit entfernt von kleinlicher Eitelkeit und Gefallsucht, vergaß sie doch nie, auf sich zu achten und sich ihm stets von der vorteilhaftesten Seite zu zeigen.
So spannen sich von innen heraus und außen herum allmählich zarte, geisterhafte Fäden zwischen ihr und ihm, die sich miteinander verschlangen und verknüpften und zu einem dichten Gewebe der hinüber und herüber gleitenden Gedanken und Gefühle wurden. –
Graf Hoyer hatte seine Freude an dem trauten Einvernehmen Eikes mit Gerlinde und trug, was er konnte, dazu bei. Hatte er doch seinem Gaste gleich bei dessen Ankunft den Wunsch ans Herz gelegt, sich mit seiner jungen Gemahlin auf einen guten Fuß zu stellen und sich in aufmunternder Weise soviel wie möglich mit ihr abzugeben; er und sie würden es ihm Dank wissen. Und nun sah er zu seiner Genugtuung, wie Gerlinde seit Eikes Anwesenheit förmlich auflebte und einen Frohsinn entfaltete, den er noch gar nicht an ihr kannte.
Eikes wiederholte Ablehnung, zu Gerlinde von seinem Buche zu reden, deutete er sich ganz richtig, daß er nur ihre leicht verletzte Hinneigung zu kirchlichen Dingen, die er seinerseits nicht teilte, rücksichtsvoll schonen wollte. Gegen ihn selbst, den Grafen, der ihn zuweilen in seinem Arbeitsgemach aufsuchte, verhielt er sich keineswegs so ablehnend, sondern besprach manche Einzelheiten mit ihm und holte in wichtigen Fragen gern den Rat des erfahrenen und weltkundigen Gerichtsherrn ein, wobei er dann oft »unser Buch« statt mein Buch sagte, eine für den Grafen schmeichelhafte, aber ehrlich gemeinte Bezeichnung, die Hoyer als unverdient zurückwies. Manchmal kam es aber auch zu Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden, die sie hitzig miteinander durchfochten, bis einer den anderen überzeugte. Das gelang indessen nicht immer, und wenn Eike bei dem blieb, was er geschrieben hatte, mußte der Graf nachgeben, was übrigens ihrer Freundschaft keinen Abbruch tat.
Von seiner Herzschwäche hatte der Graf jetzt wenig zu leiden, so daß er ohne Beschwer im Forst umherwandern und auf die Berge steigen konnte. Er ließ sich in stundenweiter Entfernung von der Burg ein Jagdhäuschen errichten, um, mit dem nötigen Mundvorrat versehen, dort zu nächtigen und im Morgengrauen auf den Anstand zu gehen.
Gewinn von des Grafen zeitweiliger Abwesenheit hatte nur Wilfred, weil sein Plagegeist, der schreibwütige Ritter, der ihm und sich selber wenig Muße gönnte, an solchen Tagen das Beisammensein mit der Gräfin merklich ausdehnte und infolgedessen seinem schmählich Unterjochten nicht beständig auf die Finger passen konnte. Das machte sich der auf rastlose Arbeit gar nicht Erpichte natürlich zunutze, legte, falls er überhaupt im Zimmer und auf seinem Schreibstuhl hocken blieb, die Feder vergnügt bei Seite und streckte sich auch wohl auf der Ruhebank lang aus, als wäre er nun der Herr in diesen schönen vier Wänden.
Er sehnte sich schon längst wieder nach einem freien Tage, um zwei Besuche abzustatten, die er bisher aus mancherlei Gründen hatte aufschieben müssen. Aber morgen war ja wieder Sonntag, da hoffte er alle Hindernisse beseitigen und sein Vorhaben endlich ausführen zu können.