Goswig trug Winters und Sommers eine Pelzkappe von Marderfell, die er während der Mahlzeiten in der Dirnitz ab und bei Seite legte. Eines Sonntags nun, wo der Abendtrunk für die Leute stets sehr reichlich gespendet wurde, stahl sich Wilfred mit der Pelzkappe hinaus und bestrich sie inwendig mit Vogelleim, den ihm Melissa zu dem Zwecke bereitet hatte. Diese mußte dann den Torwart durch ihr Geplauder so lange beim Becher festhalten, bis er mehr als genug hatte. Als er sich dann die Kappe vor dem Abschiede, den Melissa möglichst zu verzögern suchte, wieder aufstülpte, merkte er in seinem angeheiterten Zustande nicht, was inzwischen damit geschehen war. Auf dem Wege zu seinem Torstübchen war sie ihm nun schon so fest angeklebt, daß er sie nicht vom Kopfe losbekommen konnte und sich mit ihr zu Bett legen mußte. Anderen Mittags behielt er sie gegen seine Gewohnheit bei Tische auf, und darüber zur Rede gestellt stieß er ärgerlich heraus: »Ist mir über Nacht angewachsen, ich kriege sie nicht ab; die alte Heidin Suffie, die mir spinnefeinde Zaubersche, muß sie mir angehext haben.« Wilfred und Melissa tauschten verstohlen einen Blick, und letztere sagte am Ende des gemeinsamen Mahles: »Goswig, gegen Großmutter Suffies Hexerei bin ich machtlos, aber versuchen will ich's doch, Euch davon zu befreien; haltet mal still!« Nun machte sie sich über ihn her, um ihm die angeleimte Pelzmütze vom Kopfe herunterzuziehen. Aber das ging nicht so leicht vonstatten, trotzdem zwei andere Mädchen, die entweder den Spuk durchschauten oder von Melissa eingeweiht waren, sie kichernd dabei unterstützten. Mit warmem Wasser erweichten sie den hart gewordenen Klebstoff und zupften und zerrten alle drei vorn, hinten und über den Ohren an der Mütze herum, daß er vor Schmerzen jammerte und stöhnte.

Als er, von der Marter endlich erlöst, sich die Innenseite seiner Pelzkappe betrachtete, schrie er auf: »Was? das ist keine Hexenkunst, das ist ja Vogelleim! kein anderer als der Böswichtsbube der Fred ist's gewesen, und du falsche Kammerkatze – ich seh dir's an – hast deine Krallenpfoten, mit denen du mich so grausam am Kopfe gezwickt und gezwackt hast, dabei im Spiele gehabt,« wandte er sich, die Faust schüttelnd, zu Melissa. »Aber wartet, ihr hinterlistigen Satanskinder, das will ich euch ankreiden und mit Zinsen heimzahlen!« Wutschnaubend entwich er aus der Dirnitz, war noch tagelang muckig und einsilbig und schnitt alles Gehänsel über den ihm angetanen Schimpf mit kurzen, derben Worten ab.

Wilfred aber beruhigte die von Goswigs Drohungen eingeschüchterte Melissa mit dem Hinweis, daß sie ja unter dem Schutz der Gräfin stünde, und er selber wüßte nun, wie er mit dem alten Bärbeiß dran wäre und würde, ohne ihn im geringsten zu fürchten, auf seiner Hut vor ihm sein. Damit gab sie sich zufrieden und dankte ihrem Tröster in der zärtlichsten Weise.

Melissa war gegen die Fehler und Untugenden ihres Freundes keineswegs blind und hielt doch treulich zu ihm, obwohl sie keine Hoffnung auf eine glückliche Zukunft an seiner Seite hatte. Was sie eigentlich zu dem übermütigen Gesellen so stark hinzog, davon konnte sie sich selber keine Rechenschaft geben. Es war nun einmal so, und sie machte sich nicht viel Gedanken darüber.

Aus einer ihr sonniges Dasein etwas verdunkelnden Wolke aber fiel zuweilen ein Tropfen Wermut in den Becher ihrer sprudelnden Lebenslust. Sie hatte erfahren, daß Wilfred sich um die Gunst einer anderen bemühte, und wenn dies auch nicht aus Liebe geschah, so war sie doch stets betrübt und gekränkt, wenn er sich zu jener hinschlich, zu einer, die zum Arbeiten zu faul und zum Denken zu dumm war. Es war die Tochter des Talmüllers, ein noch nicht mal hübsches, verzogenes und launenhaftes Ding, das aber ein nicht unbeträchtliches väterliches Erbe zu erwarten hatte. Nach diesem Goldfisch angelte Wilfred, scharwenzelte um die Begehrenswerte herum und führte seine gerissensten Künste ins Treffen, sie sich gewogen zu machen. Luitgard – so hieß sie – nahm seine Huldigungen einmal entgegenkommend, ein andermal nachlässig hin, wies ihn schnippisch ab oder ermunterte ihn, wenn sie gerade keinen anderen Anbeter am Bändel hatte. Sie besaß nämlich ihres Geldes wegen deren mehrere in der Umgegend, die sie mit gefallsüchtigem Betragen anlockte und mit halben Verheißungen hinhielt und denen sie dann wieder, je nach Laune, hochnäsig und schroff den Rücken zukehrte. So trieb sie auch mit Wilfred ihr leichtfertiges und schnödes Spiel, wollte es jedoch mit ihm ebensowenig wie mit den anderen verderben, weil sie das Schmeicheln und Schöntun junger Männer nicht entbehren konnte. Dem »armseligen Federklauber, dem flattrigen Habenichts, der sich als verlumpter Vagant Gott weiß wie und wo in der Welt herumgetrieben,« die Hand zum Bunde fürs Leben zu reichen, fiel ihr im Traume nicht ein. »Er hat vielleicht einmal einen Tisch und nichts darauf, eine Kanne und nichts darin, einen Spieß am Feuer und nichts daran,« hatte sie einmal von ihm gehöhnt.

Heute, am Sonntagnachmittag, eilte er seit langer Zeit zum ersten Male wieder zu ihr, und das war der eine von den zwei Besuchen, nach denen er sich schon lange gesehnt hatte.


Achtes Kapitel.

Die Talmühle, ein dem Grafen eigenes Erblehen, lag nahe dem Fuße des Bergkegels, der Schloß Falkenstein trug, an der vielgewundenen Selke, die mit alten Weidenbäumen und mit Erlengesträuch umsäumt war und an deren Ufern dichtes Röhricht mit violetten Federbüschen und großblättriger Huflattich wuchs. Durch ihre glitzernden Wellen schossen rotgesprenkelte Forellen hin und her, und über ihrem Spiegel tanzten Mückenschwärme. Auf den Strohdächern der niedrigen Mühlengebäude wucherte Moos und kugelige Hauswurz mit mattrosigen Blüten auf fleischigem Stengel. Das Wasserrad stand heute still, aber wenn es sich rauschend und schaumsprühend drehte, einen durchsichtigen Silberschleier über den Schaufeln, so gab das ein schönes, lebendiges Bild, das Blick und Gedanken des vorüberkommenden Wanderers eine Weile festhielt.