Egenolf hörte die muthwilligen Reden der Beiden mit steigender Verwunderung und gerieth in einen wahren Irrgarten von Gedanken und Vermuthungen. Was hatte Bruno auf der Hohkönigsburg zu suchen gehabt? In seines Vaters Auftrag, ja mit dessen Wissen nur war er nicht oben gewesen. War er hinaufgeritten, um sich Leontinens Gunst zu erobern? Das war das Wahrscheinlichste, aber wenn dies wirklich seine Absicht gewesen war, geglückt schien sie ihm nicht zu sein. Denn erstens ließ Leontine ihn selber grüßen, was ihr schwerlich beigekommen wäre, wenn sie Bruno's Werbung gnädig auf- und angenommen hätte. Und zweitens würde in diesem Falle Isabella, deren stille Neigung zu Bruno dem Bruder kein Geheimniß war, nicht so ausgelassen lustig sein. Aber auch Bruno verrieth eine überschwängliche Fröhlichkeit, die nichts Erzwungenes, Gemachtes hatte. Wie könnte er in so guter Laune sein, wenn er bei Leontinen angeklopft hätte und von ihr abgewiesen wäre. Für die Vereinbarung so merkwürdiger, widerspruchsvoller Umstände fand Egenolf nur eine einzige vernunftgemäße Erklärung: Bruno mußte sein Herz, das er Leontinen zu Füßen zu legen gedachte, dort oben an Isabella verloren haben wie das Schach an den Grafen Oswald. Die plötzlich eingetretene Wandlung in dem gegenseitigen Benehmen der hier neben ihm Reitenden war so in die Augen springend und so unzweideutig, daß ihm kein Zweifel mehr darüber bleiben konnte: die Beiden liebten sich. Diese Entdeckung erfüllte ihn mit großer Freude. Er gönnte die Schwester dem Freunde, der ihrer in jeder Beziehung werth war, und er sonnte sich in dem Glücke der Schwester, daß ihre verhohlene Liebe vom Freunde nun auch erwiedert wurde.

So waren sie an Rappoltsweiler herangekommen, und Bruno sagte etwas kleinlaut: »Wann werden wir uns wohl einmal wiedersehen, Egenolf?«

»Das kannst Du mich ja fragen, wenn wir von einander gehen,« erwiederte Egenolf. »Du kommst doch jetzt mit uns hinauf zur Ulrichsburg?«

»Meinst Du? das war eigentlich nicht meine Absicht. Was sagt Ihr dazu, Gräfin Isabella?« wandte sich Bruno an diese.

Isabella sprach mit leise bebender Stimme: »Ich meine, Ihr solltet die Aufforderung meines Bruders nicht ablehnen.«

»Na, siehst Du! so kräftigem Zureden kannst Du doch nicht widerstehen,« lachte Egenolf. »Natürlich kommst Du mit, weißt doch, daß Du meinen Eltern willkommen bist,« fügte er hinzu und fing dafür einen dankbaren Blick seiner Schwester auf, den er ihr mit einem freundlich verschmitzten Lächeln zurückgab.

»Gern komme ich mit euch,« erwiederte frohgemuth Bruno, der auf diese Einladung schon sehnlichst gewartet hatte.

So ritten sie denn zusammen zur St. Ulrichsburg hinauf, und Egenolf trug sich mit nicht geringer Neugier, was wohl sein Vater zu Bruno's Besuch auf der Hohkönigsburg sagen würde.

Bruno ward im Schlosse herzlich willkommen geheißen, und Graf Schmasman ließ ihn nichts davon empfinden, was ihn seines Vaters wegen verdroß und bekümmerte.