Im Schlosse des Königs angelangt, stieg der Hase von seinem Sitze und wurde in das Krankenzimmer geführt, während die Schildkröte sich einstweilen aus dem Staube machte.

Im Krankenzimmer waren nur die Ärzte um den König versammelt, die den Hasen freundlich einluden auf einem prachtvollen Muschelsessel Platz zu nehmen. Dann besprachen sich die Ärzte leise, wie man wohl am leichtesten dem Hasen die Augen nehmen könne. Der Hase hatte aber gute Ohren und so hörte er mit Entsetzen dieses leise Gespräch und obwohl ihm die Haare klitschnaß am Leibe klebten, standen sie ihm doch sogleich vor Angst zu Berge. Er verwünschte seine Neugier und überlegte, wie er sich am besten aus dieser Schlinge ziehen könne, die ihm die Schildkröte gelegt hatte. Endlich kam ihm ein Gedanke. „Hört, Ihr Herren!“ rief er, „ich hörte, daß Ihr von meinen Augen sprachet. Was ist es damit, was wollt Ihr mit meinen Augen?“

Die Ärzte erklärten ihm in höflicher Weise die ganze Angelegenheit und baten, daß er, um das Leben des Königs zu retten, seine Augen freiwillig hergeben solle!

„Das ist aber dumm,“ sagte der Hase, der tat, als ob er nachdenke und seine Ohren hin und her bewegte, „ja, ja das ist dumm von der Schildkröte, daß sie mir das nicht gleich gesagt hat, dann wäre Eurem König jetzt schon geholfen. Ihr müßt nämlich wissen, Ihr hohen und gelehrten Herren, daß wir Hasen vier Augen haben, nämlich zwei natürliche und zwei aus Bergkristall gefertigte. Diese letzteren tragen wir, um die natürlichen Augen zu schonen, so bei staubigem oder Regenwetter, bei Sturm und Ungewitter. Da mir nun Eure Schildkröte nicht sagte, weshalb ich herkommen sollte, so steckte ich meine künstlichen Augen ein, weil ich glaubte, daß die natürlichen Augen, mit denen ich auf dem Lande sehe, hier im Wasser mir wenig nützen würden oder sogar beschädigt werden könnten. Diese natürlichen Augen habe ich daheim verborgen und es wird mir eine große Freude sein, sie Eurem König zu seiner Heilung anzubieten. Es bleibt nichts weiter übrig,“ fügte er scheinheilig hinzu, „als daß Ihr die Schildkröte wieder ans Land schickt und meine Augen holen lasset!“ „Ja, wird denn die Schildkröte die Augen auch finden?“ warf einer der Ärzte ein.

„Man muß sie fragen!“ sagte ein anderer und so wurde die Schildkröte wieder gerufen. Diese kam fröhlich herbei, denn sie glaubte nun sei alles zu Ende und ihr Glück sei gemacht. Aber wie erschrak sie, als sie den Hasen ganz munter, mit seinen Augen im Kopfe auf dem Muschelsessel sitzen sah. Sie wußte nicht, was sie denken sollte und war höchst erstaunt, daß sie Scheltworte zu hören bekam, anstatt Worte des Dankes. Man machte ihr Vorwürfe, daß sie einem so liebenswürdigen Herrn nicht gleich gesagt habe, was man von ihm wolle, sie habe dadurch die Heilung des Königs verzögert.

„Das ist gut!“ dachte die Schildkröte, „aber das kommt davon her, wenn man Großen einen Dienst erweisen will. Wie man es auch macht, richtig ist es nie!“ Die Schildkröte wurde nun gefragt, ob sie sich getraue, die Augen des Hasen zu finden und herzubringen, wenn der Hase ihr den Ort genau beschreibe, wo er sie verborgen habe.

Aber die Schildkröte erklärte, daß sie es wohl übernehmen wolle, die Augen zu finden; sie aber herzubringen, das sei für sie zu riskant, denn sie verstehe es nicht, mit so empfindlichen Dingen, als die Augen sind, umzugehen. Am besten sei es wohl, wenn der Hase sie selbst hole, hin und her wolle sie den Hasen gern tragen. Das war es, was der Hase gern wollte, er tat aber so, als ob das für ihn zuviel verlangt sei, auch der König wurde ärgerlich und sagte:

„Ist es nicht genug, daß der Hase uns seine Augen anbietet? Sollen wir einem so liebenswürdigen Herrn zumuten, auch noch selbst den Weg zu machen, bloß weil Ihr Schildkröte zu lässig waret? Nein! machet Euch sofort auf den Weg und seht zu, wie Ihr die Augen herbringt. Eure Sache ist es, den Fehler, den ihr begangen, wieder gut zu machen!“

Der Hase, der Angst hatte, daß man ihn wirklich da behalten würde, nahm sich zusammen und entgegnete:

„Verzeiht, edler König! Aber ich glaube Frau Schildkröte hat Recht. Wenn sie die Augen auch findet, fürchte ich doch, daß sie damit nicht richtig umgeht und sie verletzt, so daß sie für Euch ohne Nutzen sind. Erlaubt also, daß ich die Schildkröte begleite und die Augen selbst überreiche. Dieser kleine Weg ist keine Mühe, und selbst, wenn es Mühe wäre, für Euch, edler König, um Euch zu helfen ist mir keine Mühe zu groß!“