Inhaltsverzeichnis.
| Kapitel | I. | [7] |
| „ | II. | [23] |
| „ | III. | [36] |
| „ | IV. | [54] |
| „ | V. | [71] |
| „ | VI. | [86] |
| „ | VII. | [109] |
| „ | VIII. | [126] |
| „ | IX. | [157] |
| „ | X. | [171] |
| „ | XI. | [192] |
| „ | XII. | [205] |
| „ | XIII. | [233] |
| „ | XIV. | [250] |
| „ | XV. | [272] |
| „ | XVI. | [285] |
I.
Winterstille im weiten Wald. Der Schnee leuchtet bis in die Gründe hinein. Reinweiß ist er und er liegt so gleichmäßig hoch, daß nirgends ein blauer Schatten seine Oberfläche streift. Auch die Spur meines Schlittens ist verweht und ausgeglichen, und ich fühle mich wieder als der, der ich im Innersten meines Herzens bin: der Einzige auf der weiten Welt. Und wie wohl das tut! Nie hätte ich gedacht, daß nach einem Leben, das an den Menschen Schiffbruch gelitten hat, noch so großer Friede werden kann. Ich sage Friede. Und wenn ich dies Wort ausspreche, langsam, andächtig, dann höre ich eine Glocke anschlagen mit tiefem, feierlichem Tone und ihr Klang geht dahin durch den verschneiten Wald und schwebt empor zu den glitzernden Felszacken über dem leuchtenden Firn und erfüllt die riesige blaßblaue Himmelswölbung hinauf, hinein in unermessene Ewigkeitsfernen. Friede, Friede auf der weiten Welt!
Mein Herz geht mit so sanftem Schlag und meine Augen sind so mild und selig, denn was sie sehen, das gehört zu mir, das ist so selbstlose und dabei doch so selbstherrliche Natur, wie ich es selbst bin. Da draußen stehen die Tannen still, regungslos. Auf ihren Ästen und Zweigen liegt es in dichten, schweren Massen. Doch sie ächzen nicht, sie schütteln sich nicht. Sie tragen, was ihnen auferlegt ward, denn sie wissen, es ist Notwendigkeit, Naturgesetz: tragen zu müssen, und es ist schön, mit Würde und edler Gelassenheit zu tragen. Und dort drüben liegt der See. Willig hat er sich die glasgrüne Eisdecke über die blaue Brust breiten lassen und sein Atem geht so leise, daß sich nirgends auch nur um eine Haaresbreite die Decke hebt. Auch er weiß, daß es so sein muß, und ist stolz genug, das Notwendige aus freien Stücken zu wollen. Und darin liegt alle Weisheit und alle Größe, darin liegt die einzige, wahrhaftige Freiheit: sich eins zu fühlen mit dem, was sein muß. Das schafft das Leid aus der Welt und auch die Freude, die ja nur überwundenes Leid ist, aber eben doch Leid. Wer sich aber dem Unabwendlichen fügt, der wird zum Herrn und seine Demut wird zum weltgebietenden Zepter. Ihm ist der Friede Gottes!
O armes Menschentum! Wie fern bist du diesem Frieden! Ich aber, ich, an dessen Hand Menschenblut klebt, ich bin dieses Friedens teilhaftig. Durch Kampf und Irrtum und durch das, was ihr Menschen Schuld nennt, bin ich gegangen und ich habe geweint wie ihr, ich habe getobt, ich habe gejauchzt und gejubelt, ich habe verzweifelt: ich bin mit einem Wort ein Mensch gewesen wie ihr, ein Mensch mit denselben Süchten und demselben Hochmut, ja, ich war ein größerer Mensch als ihr oder doch die meisten von euch, denn alles Menschliche war in mir tiefer und stärker und darum mußte ich aus eurer Mitte, darum bin ich der geworden, der ich bin: der Einzige auf der weiten Welt.
Die Sonne geht draußen zur Rüste. Meine Schneeeinsamkeit blüht im roten Abendlicht wie ein Rosenhain auf der Märcheninsel Bimini. Die Berggipfel glühen wie Freiheitsfeuer, die Tannen hängen sich purpurne Mäntel um und über die Schneeflächen gleitet es wie ein beglücktes Lächeln, das die Wangen rosig färbt. Und auch über die weißen Blätter vor mir fließt es in rotem Schimmer. Was will es bedeuten? Blut meint ihr, Blut, das ich vergossen? Nein: Morgenrot des Friedens für euch alle, die ihr vielleicht einmal diese Blätter lesen werdet, auf denen ich niederschreiben will, wie ich zu dem geworden, was ich bin.
Ich bin durch einen Schrei zum bewußten Leben erwacht und den hat meine Mutter ausgestoßen, als man ihr den Vater erschossen in die Stube trug. Was vorher gewesen, davon habe ich nur einen ganz unbestimmten, verschwommenen Eindruck, etwa so, wie von einem Bild, das in einer dämmernden Stube hängt: ein leiser Goldglanz, hie und da ein Schimmer einer helleren Farbe, aber sonst weiches, wolkiges Grau. Wie in einem Traum habe ich früher dahingelebt, der aus Tag und Nacht, aus Frühling, Sommer, Herbst und Winter die Fäden zu einem Teppich spann, in den das Leben seine Bilder hineinwob. Da waren endlose Wälderweiten, da waren Wiese, Bach, die Berge, das kleine Elternhaus, das Schloß, da war unten am Bach die große Mühle und da war das Dorf und die Kirche mit den goldenen Engeln über dem Altar. Immer dasselbe war es von der ahnungsvollen, nebelbrütenden Adventzeit, da der Krampus mit seinen Ketten schepperte, bis zu den Weihnachten, da in die weihrauchduftende Stube, in der unter dem Christbaum die Krippe mit Maria und Joseph und dem heiligen Kinde, mit Öchslein und Eselein stand, die mitternächtigen Mettenglocken hallten, weiterhin bis zu den roten Ostereiern und fort zu den Sonnwendfeuern, die allenthalben von den Bergen in die sternfunkelnde Nacht hineinleuchteten. Und alle Jahre kam der Tag wieder, da der Herr Graf mit seinen Freunden zur Jagd kam und glänzende Herrschaftswagen die Straße hereinrollten, auf der sonst nur knarrende Bauernwagen mit Holz und Kohlen entlang schlichen. Immer dasselbe war es, jahraus, jahrein, und ich war sieben Jahre alt geworden und lebte doch in Traum und Dämmer dahin. Mein Vater war Heger und was er und die Mutter vom Leben beanspruchten, das hatten sie reichlich, und deswegen war Ruhe und Friede im Haus und jenes wohlige Genügen, das dem Leben seinen Runengriffel aus der Hand nimmt und die Zeit um das Maß beträgt, daß es ist, als stünden auf der ganzen Welt die Uhren still.