Auf die Bildung des musikalischen Geschmacks wirkte die Tätigkeit als Choristin unverkennbar günstig ein. Der Chormeister des Opernhauses war ein gütiger Mann, dem zu einer glänzenderen Karriere nur eines gefehlt hatte: das Glück.
Ein Mann voll Musikverständnis, voll echter Liebe zur Kunst, die ihm auch sein jetziger, wenig erfreulicher Beruf nicht hatte verkümmern können. Ihm fiel bald der natürliche Wohlklang der Stimme Ritas auf, er ließ es nicht an guten Ratschlägen fehlen, nahm wohl auch nach den Chorproben das eine oder andere Lied mit ihr durch, und ihm war es zu verdanken, daß Rita auch Schumannsche und Schubertsche Lieder kennen und singen lernte. Das Bewußtsein, der heiligen Cäcilie als treuer Jünger gedient zu haben, war dem wackeren Manne Lohnes genug für die geopferte Zeit und Mühe. –
Schwere Gedanken belasteten das Hirn Benno Stehkragens auf dem kurzen Heimweg von der Delikatessen-Pythia. Nicht Liebe war es, die ihn für Rita beseelte, nicht einmal Freundschaft. Aber er hatte nun einmal Interesse für dieses Mädchen gefaßt, und er pflegte seine Interessen mit Zähigkeit zu verfolgen.
Und war er ihr nicht auch zu Dank verpflichtet? Zu Dank für die vielen genußreichen Viertelstunden, die ihr Gesang ihm geschenkt hatte?
Gab es hier nicht vielleicht etwas zu helfen, ein bitteres Los zu lindern? Und Hilfe leisten, das war ja eine Lieblingsbeschäftigung Bennos, der in seinen Träumen die ganze Menschheit zu beglücken pflegte.
Oft, wenn er in den Zeitungen die Sammellisten für wohltätige Zwecke las, und dabei auf den Vermerk stieß, »N. N. M 1000.– «, wünschte er sich: Dieser N. N. möchte ich sein! Kann es etwas Schöneres geben, als unerkannt, ohne anderen Dank als den Dank eines guten Gewissens Wohltaten ausstreuen?
War das nicht noch tausendmal herrlicher als die Kaiserkrone Chinas, der Bürgermeisterhut Gomorrhas?
Um jene Zeit siedelte die Industriebank aus dem einfachen Geschäftshaus im Oederweg in den Dividendenpalast am Bahnhofsplatz über.
Benno beschloß nach schwerem Zögern, diesen Umzug als Grund zur Kündigung seiner Wohnung zu benutzen.
Zwischen zwei großen Bissen polnischen Karpfens brachte er es würgend übers Herz, seinen Hausleuten diesen Entschluß mitzuteilen, und wunderte sich selbst, daß ihm dabei keine Gräte im Hals steckenblieb.