Er schwelgte in einer Utopie von Menschheitsbeglückung.

Aber das goldene Schlüsselchen »Wenn« öffnete ihm nicht nur die Portale der Zukunft, es erschloß ihm auch die Pforten der Vergangenheit.

Und er träumte: Wenn ich jetzt der Bürgermeister von Gomorrha wär’ – und es fing’ an, Schwefel zu regnen – und Pech zu schneien – und Phosphor zu hageln – und ich hätt’ keinen Regenschirm bei mir – und die Feuerwehrspritz’ wär’ gerad’ kaputt – dann ...

Oder: Wenn ich jetzt der Columbus wär’ – und ich wär auf’m Meer mit mei’m Dampfschiff fehlgegangen – und ich käm’ plötzlich an ein Festland – und da tät’ ein Wegweiser stehen mit der Aufschrift »Amerika« – und es tät’ der Häuptling aus’m Kaktusstrauch hervorbrechen – und tät’ sagen, auf indianerisch: »Schlecht sehen Se aus, Herr Columbus« – dann ...

Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft umfaßten Bennos Träume.

Im ganzen schönen Frankfurter Palmengarten wachsen keine so herrliche Blumen, wie sie unter Bennos Wuschelhaar gediehen, und im Musikpavillon bringt selbst der treffliche Kapellmeister Kämpfert keine so köstlichen Harmonien hervor, wie sie in Bennos Gedankengängen sproßten.

Denn in diesen Träumen sangen die Engel, bliesen die pausbäckigen Posaunenchöre des Himmels, und in der Mitte stand Benno Stehkragen als Musikdirektor, mit einem großen Tintenbleistift als Dirigentenstab, und nur von Zeit zu Zeit klopfte er ab: »’n Augenblick! Bitte, ’n Augenblick! Ich muß nur mein’ Taktstock neu spitzen!«

I>ch habe geschildert was Benno Stehkragen erblickte wenn er von seinem Drehstuhl nach rechts, nach links schaute. Aber der Mensch schaut nicht nur seitwärts, er sieht auch geradeaus, und besonders Benno liebte es, geradeaus zu blicken. Im Leben allgemein, und von seinem Drehstuhl im besonderen. Denn ihm gegenüber, auf der anderen Seite des Pultes saß etwas recht Sehenswertes: das blondköpfige Fräulein Böhle.

Vor zwei Jahren etwa war Fräulein Böhle in die Industriebank eingetreten, direkt von der Handelsschule. Sie hatte sich in der Direktion mit einem schmeichelhaften Empfehlungsschreiben, ausgestellt von einem auswärtigen Geschäftsfreunde des Hauses, eingefunden. Aber ein besseres Empfehlungsschreiben war ihr frisches Wesen, ihre lebhafte Schlankheit, ihre vergnügte Sicherheit in Worten und Auftreten.

Das hübsche Mädchen redete mit dem gestrengen Direktor Hermann in einer drolligen Natürlichkeit und Ungezwungenheit, als spräche sie mit einem Gleichgestellten, und nicht mit dem Mann, bei dessen Erscheinen in den Bureaus auf allen Gesichtern eine Art Leichenstarre eintrat.