Ob sie ihn liebte? — Nein. Sie war überhaupt keiner Liebe fähig.

Daß ein altes Holz Blüten treibt, das kommt nur im »Tannhäuser« vor, und auch da ganz am Schluß des letzten Aktes, so daß man nicht nachprüfen kann, wie lange die Blüte vorhält.

Wohl hatte auch Katharina, wie alle Mädchen, eine Zeit gehabt, in der sie von jener naturwidrigen Art Ehe träumte, die zu neunzig Prozent aus Liebkosungen besteht, und in der man von Küssen und Anschmachten satt wird. Aber längst hatte die Flut der Jahre dieses glückhafte Schifflein verschlungen.

Nun war sie praktisch geworden, praktisch wie ein Sklavenhändler, und sah im Manne nur eine Versorgungsanstalt. Eine Rentenversicherung, der keine Kontrolle erlaubt ist und die obendrein bei der Auszahlung jedes Betrages einen Kniefall zu machen hat.

Ein pensionsberechtigter Zwerg Nase wäre ihr als Gatte sympathischer gewesen als der Apoll von Belvedere, von dem es ungewiß ist, ob er eine Frau ernähren konnte.

Ach, die so nüchternen, trockenen Eheparagraphen des Bürgerlichen Gesetzbuches erscheinen wie ein Hohelied auf die Liebe, verglichen mit den Eheanschauungen eines Mädchens, das erst einmal angefangen hat, »praktisch« zu denken!

»Danke schee!« sagte Adolf Borges, als Katharina mit dem Festnähen des ohnehin bereits festgenähten Knopfes fertig war.

»Haww ich Ihne aach net gestoche?« flötete Katharina und warf ihm einen
Blick zu, bei dessen Empfang der früher erwähnte Herr Meier stolz
gefragt hätte: »Adolf, haben Sie den Blick gesehen? Den Blick? Ich sag
Ihnen, Adolf, wenn ich #wollt#' — aber ich will net!«

Adolf war kein Meier. Er bemerkte den Blick überhaupt nicht.

Noch stimmten die Saiten, nach deren Klang er das Tanzen lernen sollte, nicht genau, aber nur noch um kleine Schwankungen waren die Quinten unrein, und schon probierte Katharina leise, pizzikato, ob sie das Spiel wohl beginnen könne.