Er zog seinen Arm nicht zurück; es tat ihm wohl, sich von den Zweigen dieses Gewächshauses fast unmerklich streicheln zu lassen.
Das war so sanft und weich, daß er gar nicht merkte, daß hier Disteln statt Rosen wuchsen.
Er hob jetzt seine Augen und besah sich die Botanik näher, und das Pflanzenreich gefiel ihm nicht so übel. Machte doch die falsche Katharina ihre schönsten Vergißmeinnichtaugen und zog ihr süßestes Lilienmäulchen, so daß man wirklich nicht mehr sehen konnte, #was# für eine Pflanze sie in Wirklichkeit war. Er fühlte sich im Palmengarten und merkte nicht, daß er im Zoologischen war.
»Kättche, hol de Quetschekuche von heut Middag!« befahl der Vater. »Der
Herr Borges werd Abbeditt hawwe!«
Ach nein, der Herr Borges hatte jetzt gar keinen Appetit. Der Magen erschien ihm jetzt als der prosaischste Körperteil, den Gott geschaffen hat. Er hatte ein ganz unbestimmbares Gefühl, so ein Mittelding zwischen Lachen und Weinen, Wonne und Schmerz, und wenn ihn jetzt ein Kassenarzt gefragt hätte: »Herr Borges, wo tut's Ihnen weh?« — er hätte es beim besten Willen nicht sagen können.
Er empfand nur, als Katharina hinausgegangen war, um den
Zwetschenkuchenrest zu holen, plötzlich eine tiefe Leere neben sich, und
es kam ihm so vor, als sei die Temperatur im Zimmer plötzlich um zehn
Grad gesunken.
So ungefähr war ihm zu Mute wie damals, als er den Kopf in den Ameisenhaufen gelegt hatte. Die Ameisen kribbelten und bissen, aber als Katharina wieder ins Zimmer trat, da verwandelten sich die Ameisen in lauter kleine, goldige Leuchtkäferchen und huschten im Zimmer umher und schwirrten ihm um die Nase, und es ward so hell, daß er fast ausgerufen hätte: »Gott, was e Pracht! Die Sonn is uffgange!«
»E guter Quetschekuche is des, Herr Borges!« versicherte der Gastgeber. »Da könne Se weit laafe, bis Se so aan finne! Des Rezept schdammt noch von maaner selig Fraa! Unn von der hat's Kättche die Kochkunst geerbt. Koche kann des Mädche wie e junger Gott! Die macht Ihne aus Dreck de scheenste Pudding! No, fresse Se, — unn Se wern merr Recht gewwe!«
Ein gewöhnlicher Sterblicher hätte bei diesen Worten beide Ohren gespitzt. Denn die Liebe des Mannes geht durch den Magen, und ich bin überzeugt, Zeus wäre der solideste Ehemann gewesen, hätte ihm Hera nicht immer Nektar und Ambrosia vorgesetzt.
Aber Adolf Borges war kein gewöhnlicher Sterblicher. Dieser kleine
Konfektionsgeschäftsauslaufer war ein Gefühlsmensch, und diese
Menschengattung ist unter den Sterblichen in der verschwindenden
Minderheit. Wenn sie einen hohlen Zahn haben, ja, dann sind sie alle
Gefühlsmenschen, aber viel weiter reicht ihr Gefühl nicht.