Er wollte wieder davonlaufen, nach dem Krankenhaus, aber Katharina hielt ihn gebieterisch zurück.

»Merr derf'n jedz net besuche! Morje Middag von drei bis vier, — ich habb mich erkunnigt.«

Und der alte Bindegerst sagte: »Des war e netter Mensch, der Dokter. So mitfiehlend.«

Die ganze Nacht hindurch studierte Adolf in dem Buch aus Bindegersts Bibliothek. Es war freilich ausgeschlossen, daß in dem »Geschlechtsleben des Menschen« irgend ein Aufschluß über Gustavs Krankheit zu finden war, aber Adolf dachte in seiner Verzweiflung, vielleicht stünde doch irgend ein Hinweis in dem Buch, der ihn belehre, der ihm Hoffnung geben könne. Vielleicht konnte er den Ärzten doch irgend etwas sagen, an das sie gerade nicht dachten.

Drei Tage später war Gustavchen tot. Der Scharlach hatte ihn dahingerafft.

Wie ein Kriegsverwundeter in den meisten Fällen anfangs nur das Gefühl eines dumpfen Schlages hat, ohne wirklichen Schmerz zu verspüren, bis dann beim Verbinden, beim Heilungsprozeß die unerträglichen Qualen einsetzen, so empfand Adolf zunächst nur eine dumpfe Betäubung. Das Unglück war zu groß, um in seiner ganzen Schwere erfaßt werden zu können. Er hörte die Worte der Krankenschwester: »Ihr Sohn ist leider gestern Abend sanft entschlummert«, aber er konnte sich nichts dabei denken.

Bis plötzlich der Gedanke: »Du wirst Dein Kind nie, nie wieder sehen!« die Wunde mit glühendem Eisen ausbrannte.

Er fand nicht die Kraft, alle jene Gänge und Meldungen zu erledigen, die in unserem geordneten Staatswesen der Tod eines Familienmitgliedes den Hinterbliebenen auferlegt. Die, ach so praktische Katharina besorgte alle diese Dinge mit der Selbstverständlichkeit und nüchternen Klarheit, die sie in jeder Lebenslage bewies. Sie besorgte den Totenschein, bestellte den Pfarrer, kaufte den Sarg, die Blumen, nähte an Adolfs Kleiderärmel den Trauerflor, telephonierte ins Geschäft, ihr Mann könne die nächsten drei Tage nicht kommen, garnierte einen schwarzen Schleier auf ihren Hut, schneiderte sich ein Kleid für die Beerdigung.

Nichts vergaß sie; man hätte meinen können, sie hätte seit Jahren
Bestattungen arrangiert.

Dann kam der Tag der Beisetzung.