Adolf konnnte das Jammern nicht mehr ertragen, er schlich während der letzten Spatenstiche davon, ging hinaus in den Stadtwald, in dem der fröstelnde Herbsttag sein Totenamt hielt.
Man hat auf Gemälden oft die Pest als einen Dämon dargestellt, vor dessen Hauch alles Leben dahinsinkt. Solch ein Pestdämon ist auch der Herbst. In seinen gelben Mantel gehüllt, schreitet er über die Erde, und unter seinem Geschwür-zerfressenen Fuß sterben die Blumen und Gräser. Er haucht die Bäume an, und die Zweige verdorren, die Blätter werden vergiftet und fallen ab. Verwesung folgt seiner Spur.
Adolf warf sich auf den kalten Boden und stierte in den Himmel.
Vor langer Zeit, als ihn noch fröhliche Träume umgaukelten, hatte er inmitten blühenden Sommers hier einmal versehentlich seinen Kopf auf einen Ameisenhaufen gebettet und hatte, erschrocken auffahrend, an dieses Mißgeschick mit resigniertem Humor lächelnde Betrachtungen geknüpft. Diese Episode fiel ihm jetzt, durch eine eigenartige Gedankenverbindung, ein. Ach, wie hätte es jetzt seinen Gram gekühlt, den Kopf in einen Ameisenhaufen stecken zu können und den Seelenschmerz durch körperlichen Schmerz zu betäuben!
Wie riesige Galgen kamen ihm die entlaubten Bäume vor, die ihre leeren Äste gleich Querbalken streckten, und er dachte: »Merr sollt sich uffhenke! Da drowwe sollt merr sich uffhenke, unn der Wind dhät ein schaukele, ganz samft unn schmerzlos, unn lang sollt's dauern, bis se ein finne! Unn e Eichhörnche käm' gehippt unn dhät mich aaglotze unn dhät denke: >So'n große Tannezappe haww ich meiner Lebdag noch kaan geguckt!< Unn e Vögelche käm', unn dhät sich uff mei Schulter hocke, unn ließ' sich mitschaukele! Unn wann se mich dann haamgebracht hätte, dann hätt' der ahl Bindegerst widder e neu Kreuz zu schnitzele, unn des praktisch Kättche dhät sage: >Jedz kann ich mei Trauerkleider gleich noch emal benitze unn braach merr kaa neue aazuschaffe<!«
Seine Gedanken verwirrten sich, und plötzlich tauchte aus der Wirrnis eine andere Episode seines Lebens auf, und er sah sich im Odenwald stehen, auf dem Gipfel des Melibokus, wie er dem Käthchen die Welt zeigte: »Guck, lieb Kättche, die Nadur, die is e groß Sparkass, viel größer als wie die Offebächer Städtisch Sparkass, unn wann merr emal in Seelennot komme, dann hewe merr aafach in dere Sparkass en Poste Erquickung unn Trost ab, — unn wann merr aach noch so viel abhewe, #des# Guthawe nemmt kaa End'!«
Und nun war die Seelennot da, aber die Natur spendete keinen Trost, das
Guthaben war erschöpft, und er fühlte, nie wieder würde ihm diese
Sparkasse Erquickung auszahlen.
Ja, Bindegerst hatte recht: das Leben ist eine Gemeinheit. Eine so unbarmherzige Gemeinheit, daß die guten Kerle, wie Adolf Borges, niemals mit ihm zurecht kommen können.
»Wann des so weider geht,« sagte Herr Feldmann, »dann misse merr'n halt entlasse. Der packt uns ja die ganz Waar dorchenanner, babbt die verkehrte Adresse uff die verkehrte Paketcher, — es geht net mehr!«
Der dicke Herr Schröder ließ seinen Teilhaber ausschimpfen, dann bemerkte er: »Entlasse? 'N Mann, wo so lang im Geschäft is?«