»Weiter sodann, ihr Mönche, sieht der Weise wie Könige einen Räuber, einen Verbrecher ergreifen lassen und mancherlei Strafen verhängen, als wie Peitschen-, Stock- oder Ruthenhiebe; Handverstümmlung, Fußverstümmlung oder Verstümmlung der Hände und Füße; Ohrenverstümmlung, Nasenverstümmlung, Verstümmlung der Ohren und der Nase; den Breikessel, die Muschelrasur, das Drachenmaul; den Pechkranz, die Fackelhand; das Spießruthenlaufen, das Rindenliegen, den Marterbock; das Angelfleisch, den Münzengriff, die Laugenätze; den Schraubstock, das Bastgeflecht; die siedende Oelbeträufelung, das Zerreißen durch Hunde, die lebendige Pfählung, die Enthauptung. Da wird, ihr Mönche, dem Weisen also zumuthe: ›Um welcher Uebelthaten willen Könige einen Räuber, einen Verbrecher {301} ergreifen lassen und so mancherlei Strafen verhängen, dergleichen ist ja bei mir nicht anzutreffen: und mich kann das nicht angehn.‹ Das aber wird, ihr Mönche, der Weise zuzweit schon bei Lebzeiten als Freude und Frohsinn erfahren.

»Weiter sodann, ihr Mönche: wenn der Weise auf einem Stuhle Platz genommen oder auf ein Lager sich hingelegt hat oder auf der Erde ausruht, so sind es die günstigen Thaten, die er früher gethan, gute Handlungen in Werken, in Worten, in Gedanken, die um diese Zeit über ihn kommen, über ihn niedersinken, über ihn herabziehn. Gleichwie etwa, ihr Mönche, die Schatten der Gipfel hoher Gebirge um Sonnenuntergang über die Ebene kommen, über sie niedersinken, über sie herabziehn: ebenso nun auch, ihr Mönche, sind es, wenn der Weise auf einem Stuhle Platz genommen oder auf ein Lager sich hingelegt hat oder auf der Erde ausruht, die günstigen Thaten, die er früher gethan, gute Handlungen in Werken, in Worten, in Gedanken, die um diese Zeit über ihn kommen, über ihn niedersinken, über ihn herabziehn. Da wird, ihr Mönche, dem Weisen also zumuthe: ›Nicht hab’ ich doch Böses gethan, bin nicht grausam gewesen, habe keinen Frevel verübt: günstig hab’ ich gewirkt, heilsam hab’ ich gewirkt, habe Scheu gekannt; wo da nicht Böses thun, nicht grausam sein, keinen Frevel verüben, günstig wirken, heilsam wirken, Scheu kennen hingelangen lässt, dahin werd’ ich nach dem Tode gelangen.‹ So wird er nicht bekümmert, nicht beklommen, er jammert nicht, schlägt sich nicht stöhnend die Brust, geräth nicht in Verzweiflung. {302} Das aber wird, ihr Mönche, der Weise zudritt schon bei Lebzeiten als Freude und Frohsinn erfahren.

»Ein solcher Weise nun, ihr Mönche, der in Werken wohl gewandelt, in Worten wohl gewandelt, in Gedanken wohl gewandelt ist, gelangt bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf gute Fährte, in himmlische Welt. Mag nun einer, ihr Mönche, mit rechter Rede sagen ›Einzig erwünscht, einzig begehrt, einzig angenehm‹, mag er es eben von himmlischer Welt mit rechter Rede sagen: ›Einzig erwünscht, einzig begehrt, einzig angenehm‹; da man es ja, ihr Mönche, auch im Gleichnisse nicht wohl darthun kann, wie hoch die Freuden himmlischer Welten reichen.«

Auf diese Worte wandte sich einer der Mönche an den Erhabenen und fragte:

»Kann man aber, o Herr, ein Gleichniss geben?«

»Man kann es, Mönch«, sprach der Erhabene. »Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn ein König Kaiser geworden ist, mit den sieben Juwelen begabt und den vier Vermögen: da wird er infolge davon Freude und Frohsinn erfahren. Das aber sind seine sieben Juwelen, und zwar[155]: das beste Land, der beste Elephant, das beste Ross, die beste Perle, das beste Weib, der beste Bürger, und siebentens der beste Staatsmann. Ein König, ihr Mönche, als Kaiser ist mit diesen sieben Juwelen begabt. {307} Was aber sind die vier Vermögen? Da ist, ihr Mönche, der König als Kaiser schön, hold, liebenswürdig, mit höchster Anmuth begabt, weit mehr als andere Menschen. Ein König, ihr Mönche, als Kaiser ist zuerst mit diesem Vermögen begabt.[156] Weiter sodann, ihr Mönche: ein König als Kaiser hat lange Lebensdauer, langen Bestand, weit mehr als andere Menschen. Ein König, ihr Mönche, als Kaiser ist zuzweit mit diesem Vermögen begabt. Weiter sodann, ihr Mönche: ein König als Kaiser ist gesund und munter, seine Kräfte sind gleichmäßig gemischt, weder zu kühl noch zu heiß, weit besser als bei anderen Menschen. Ein König, ihr Mönche, als Kaiser ist zudritt mit diesem Vermögen begabt.[157] Weiter sodann, ihr Mönche: ein König als Kaiser ist Priestern und Hausvätern lieb und werth. Gleichwie etwa, ihr Mönche, ein Vater den Kindern lieb ist und werth, ebenso nun auch, ihr Mönche, ist ein König als Kaiser Priestern und Hausvätern lieb und werth. Und einem Könige, ihr Mönche, als Kaiser sind Priester und Hausväter lieb und werth. Gleichwie etwa, ihr Mönche, einem Vater die Kinder lieb sind und werth, {308} ebenso nun auch, ihr Mönche, sind einem Könige als Kaiser Priester und Hausväter lieb und werth. Vormals, ihr Mönche, geschah es, da ein König als Kaiser, gefolgt von dem viermächtigen Heerbanne[158], zur Frühjahrsfeier hinauszog, dass ihm Priester und Hausväter entgegengingen und also sprachen: ›Verweile, Gebieter, auf deinem Zuge, auf dass wir länger deinen Anblick erschauen.‹ Und auch ein König, ihr Mönche, als Kaiser mahnte den Wagenlenker: ›Ohne Eile, Wagenlenker, lasse weiter uns fahren, auf dass ich länger den Anblick der Priester und Hausväter vor mir habe.‹ Ein König, ihr Mönche, als Kaiser ist zuviert mit diesem Vermögen begabt. Ein König, ihr Mönche, als Kaiser ist mit diesen vier Vermögen begabt. Was meint ihr nun, Mönche: könnte da nicht ein König als Kaiser, mit den sieben Juwelen begabt und den vier Vermögen, daran Freude und Frohsinn erfahren?«

»Auch nur, o Herr, mit einem einzigen der Juwelen begabt könnte ein König als Kaiser daran Freude und Frohsinn erfahren, geschweige denn mit den sieben Juwelen, mit den vier Vermögen.«

Da hob nun der Erhabene einen mäßigen, handgroßen Stein auf und wandte sich an die Mönche:

»Was meint ihr wohl, Mönche: was ist größer, dieser mäßige, handgroße Stein, den ich da habe, oder der Himālayo, der König der Berge?«

»Geringfügig ist, o Herr, dieser mäßige, handgroße Stein, den der Erhabene da hat: gegen den Himālayo, den König der Berge, kann er nicht gezählt, nicht gerechnet, nicht verglichen werden.«