»Nicht hat, Priester, Er, der Erhabene, alle Schauung gepriesen, und nicht hat Er, der Erhabene, alle Schauung verwiesen. Was für Schauung hat aber, Priester, Er, der Erhabene, nicht gepriesen? Da hat einer, Priester, sein Gemüth von Wunschbegier umspinnen, von Wunschbegier umziehen lassen; und wie man der aufgestiegenen Wunschbegier entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß, macht vielmehr die Wunschbegier zum Wesen und schaut und schaut hin und schaut her und schaut um. Er hat sein Gemüth von Gehässigkeit umspinnen, von Gehässigkeit umziehen lassen; und wie man der aufgestiegenen Gehässigkeit entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß, macht vielmehr die Gehässigkeit zum Wesen und schaut und schaut hin und schaut her und schaut um. Er hat sein Gemüth von matter Müde umspinnen, von matter Müde umziehen lassen; und wie man der aufgestiegenen matten Müde entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß, macht vielmehr die matte Müde zum Wesen und schaut und schaut hin und schaut her und schaut um. Er hat sein Gemüth von stolzem Unmuth umspinnen, von stolzem Unmuth umziehen lassen; und wie man dem aufgestiegenen stolzen Unmuth entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß, macht vielmehr den stolzen Unmuth zum Wesen und schaut und schaut hin und schaut her und schaut um. Er hat sein Gemüth von sorgendem Zweifel umspinnen, von sorgendem Zweifel umziehen lassen; und wie man dem aufgestiegenen sorgenden Zweifel entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß, macht vielmehr den sorgenden Zweifel zum Wesen und schaut und schaut hin und schaut her und schaut um. Solche Schauung hat, Priester, {95} Er, der Erhabene, nicht gepriesen. Was für Schauung hat aber, Priester, Er, der Erhabene, gepriesen? Da weilt, Priester, ein Mönch, gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung. Nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens erwirkt er die innere Meeresstille, die Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung. In heiterer Ruhe weilt er gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹; so erwirkt er die Weihe der dritten Schauung. Nach Verwerfung der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns erwirkt er die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte Schauung. Solche Schauung hat, Priester, Er, der Erhabene, gepriesen.«

»Verweisliche Schauung hat also, Herr Ānando, Er, der Herr Gotamo, verwiesen, preisliche gepriesen. — Wohlan denn, Herr Ānando, jetzt wollen wir aufbrechen[39]: manche Pflicht wartet unser, manche Obliegenheit.«

»Wie es dir nun, Priester, belieben mag.«

Und Vassakāro der Priester, der Māgadher Marschall, durch des ehrwürdigen Ānando Rede erfreut und befriedigt, stand von seinem Sitze auf und entfernte sich. Da wandte sich denn Meier Moggallāno der Priester, bald nachdem Vassakāro der Priester, der Māgadher Marschall, gegangen, also an den ehrwürdigen Ānando:

»Was wir aber Herrn Ānando gefragt hatten, das hat uns Herr Ānando nicht zu Ende erklärt.«

»Haben wir denn, Priester, dir nicht gesagt: ›Nicht giebt es, Priester, auch nur einen Mönch ganz und gar überall mit all den Eigenschaften begabt, mit welchen der Erhabene begabt war, der Heilige, vollkommen Erwachte. Denn Er, Priester, der Erhabene, ist des unentdeckten Weges Entdecker, des unerschaffenen Weges Erschaffer, des unerklärten Weges Erklärer, der Wegeswisser, der Wegeskenner, der Wegeskundige: {96} auf dem Weg aber folgen sie jetzt nach, die Jünger, später nachgekommen‹.«[40]

109.

Elfter Theil

Neunte Rede

VOLLMOND
– I –