»Und inwiefern kann man, o Herr, als der bedingten Entstehung kundig einen Mönch bezeichnen?«
»{160} Da hat, Ānando, ein Mönch diese Kenntniss: ›Wenn Jenes ist wird Dieses, durch die Entstehung von Jenem entsteht Dieses; wenn Jenes nicht ist wird Dieses nicht, durch die Auflösung von Jenem wird Dieses aufgelöst. Und zwar: aus Unwissen entstehn Unterscheidungen, aus Unterscheidungen entsteht Bewusstsein, aus Bewusstsein entsteht Bild und Begriff[70], aus Bild und Begriff entsteht sechsfaches Gebiet, aus sechsfachem Gebiet entsteht Berührung, aus Berührung entsteht Gefühl, aus Gefühl entsteht Durst, aus Durst entsteht Anhangen, aus Anhangen entsteht Werden, aus Werden entsteht Geburt, aus Geburt gehn Altern und Sterben, Schmerz und Jammer, Leiden, Trübsinn, Verzweiflung hervor: also kommt dieses gesammten Leidensstückes Entwicklung zustande. Ist aber eben Unwissen ohne Reiz, ohne Ueberrest aufgelöst lösen sich Unterscheidungen auf, sind Unterscheidungen aufgelöst löst sich Bewusstsein auf, ist Bewusstsein aufgelöst löst sich Bild und Begriff auf, ist Bild und Begriff aufgelöst löst sich sechsfaches Gebiet auf, ist sechsfaches Gebiet aufgelöst löst sich Berührung auf, ist Berührung aufgelöst löst sich Gefühl auf, ist Gefühl aufgelöst löst sich Durst auf, ist Durst aufgelöst löst sich Anhangen auf, ist Anhangen aufgelöst löst sich Werden auf, ist Werden aufgelöst löst sich Geburt auf, ist Geburt aufgelöst lösen sich Altern und Sterben, Schmerz und Jammer, Leiden, Trübsinn, Verzweiflung auf: also kommt dieses gesammten Leidensstückes Auflösung zustande.‹ Insofern kann man, Ānando, als der bedingten Entstehung kundig einen Mönch bezeichnen.«
»Und inwiefern kann man, o Herr, als des Möglichen und Unmöglichen kundig einen Mönch bezeichnen?«
»Da weiß, Ānando, ein Mönch: ›Unmöglich ist es und kann nicht sein, dass ein erkenntnissbegabter Mensch irgend eine Unterscheidung als unvergänglich angehn mag: ein solcher Fall kommt nicht vor‹[71]; er weiß: ›Möglich aber ist es wohl, dass der gemeine Mensch {161} irgend eine Unterscheidung als unvergänglich angehn mag: ein solcher Fall kommt vor.‹ Er weiß: ›Unmöglich ist es und kann nicht sein, dass ein erkenntnissbegabter Mensch irgend eine Unterscheidung als erfreulich angehn mag: ein solcher Fall kommt nicht vor‹[72]; er weiß: ›Möglich aber ist es wohl, dass der gemeine Mensch irgend eine Unterscheidung als erfreulich angehn mag: ein solcher Fall kommt vor.‹ Er weiß: ›Unmöglich ist es und kann nicht sein, dass ein erkenntnissbegabter Mensch irgend ein Ding als eigen angehn mag: ein solcher Fall kommt nicht vor‹[73]; er weiß: ›Möglich aber ist es wohl, dass der gemeine Mensch irgend ein Ding als eigen angehn mag: ein solcher Fall kommt vor.‹
»Er weiß: ›Unmöglich ist es und kann nicht sein, dass ein erkenntnissbegabter Mensch die Mutter oder den Vater des Lebens berauben mag: ein solcher Fall kommt nicht vor‹; er weiß: ›Möglich aber ist es wohl, dass der gemeine Mensch die Mutter oder den Vater des Lebens berauben mag: ein solcher Fall kommt vor.‹
»Er weiß: ›Unmöglich ist es und kann nicht sein, dass ein erkenntnissbegabter Mensch einen Heiligen des Lebens berauben oder in übler Absicht das Blut eines Vollendeten vergießen mag: ein solcher Fall kommt nicht vor‹; er weiß: ›Möglich aber ist es wohl, dass der gemeine Mensch einen Heiligen des Lebens berauben oder in übler Absicht das Blut eines Vollendeten vergießen mag: ein solcher Fall kommt vor.‹
»Er weiß: ›Unmöglich ist es und kann nicht sein, {162} dass ein erkenntnissbegabter Mensch unter den Brüdern Zwietracht anstiften oder einen anderen Meister erwählen mag: ein solcher Fall kommt nicht vor‹; er weiß: ›Möglich aber ist es wohl, dass der gemeine Mensch unter den Brüdern Zwietracht anstiften oder einen anderen Meister erwählen mag: ein solcher Fall kommt vor.‹
»Er weiß: ›Unmöglich ist es und kann nicht sein, dass in ein und derselben Weltordnung zwei Heilige, vollkommen Erwachte zugleich auftreten mögen: ein solcher Fall kommt nicht vor‹; er weiß: ›Möglich aber ist es wohl, dass in ein und derselben Weltordnung ein Heiliger, vollkommen Erwachter auftreten mag: ein solcher Fall kommt vor.‹
»Er weiß: ›Unmöglich ist es und kann nicht sein, dass in ein und derselben Weltordnung zwei Könige als Erderoberer zugleich auftreten mögen[74]: ein solcher Fall kommt nicht vor‹; er weiß: ›Möglich aber ist es wohl, dass in ein und derselben Weltordnung ein König als Erderoberer auftreten mag: ein solcher Fall kommt vor.‹
»Er weiß: ›Unmöglich ist es und kann nicht sein, dass das Weib einen Heiligen, vollkommen Erwachten oder einen König Erderoberer darstellen mag: ein solcher Fall kommt nicht vor‹; er weiß: ›Möglich aber ist es wohl, dass der Mann einen Heiligen, vollkommen Erwachten oder einen König Erderoberer darstellen mag: ein solcher Fall kommt vor.‹