»Und ich habe mich dann, Sāriputto, in einen anderen, in grauenvollen Wald begeben, dort zu verweilen. In jener grässlichen Wildniss, Sāriputto, herrschte solches Entsetzen, dass jedem ungeheiligten Wanderer alsbald die Haare sich sträubten. Und während der kalten, eisigen Nächte im Winter, zur Zeit des Frostes, hielt ich mich nachts in einer Lichtung auf und tags im Dickicht; und im Sommer, zur Zeit der Hitze, hielt ich mich tags in einer Lichtung auf und nachts im Dickicht. Und es leuchtete mir, Sāriputto, dieser naturgemäße Spruch auf, der nie zuvor gehörte:
›Im Sommerbrand, im Wintersturm
Allein im wilden Schreckensforst
Sinnt ohne Feuer, ohne Herd
Ein nackter Dulder selbstvertieft.‹
»Und ich wanderte, Sāriputto, zu einer Leichenstätte hin und lagerte mich auf einem Haufen fauler Gebeine. Und da kamen, Sāriputto, Hirtenkinder herbei, spieen auf mich und benässten mich und bewarfen mich mit Unrath und fuhren mir mit spitzigen Halmen in die Ohren. Doch erinnere ich mich nicht, Sāriputto, dass mir ein böser Gedanke gegen sie aufgestiegen wäre. Und das, Sāriputto, ist mein Gleichmuth gewesen.
{80} »Manche Asketen und Brāhmanen, Sāriputto, sagen und lehren: ›Die Nahrung läutert.‹ Und sie ermahnen: ›Lasst uns von Steinäpfeln leben.‹ Und sie verzehren Steinäpfel, essen Steinäpfelmus, trinken Steinäpfelsaft, genießen allerlei Gerichte aus Steinäpfeln. Ich erinnere mich, Sāriputto, nur einen Steinapfel als tägliche Nahrung genossen zu haben. Nun möchtest du wohl, Sāriputto, meinen, es habe damals auch größere Steinäpfel gegeben. Doch wäre eine solche Meinung, Sāriputto, unrichtig: auch damals wurden Steinäpfel nur ebenso groß wie heute. Und indem ich, Sāriputto, nur einen Steinapfel als tägliche Nahrung zu mir nahm wurde mein Körper außerordentlich mager.
»Manche Asketen und Brāhmanen, Sāriputto, sagen und lehren: ›Die Nahrung läutert.‹ Und sie ermahnen: ›Lasst uns von Bohnen leben‹, ›Lasst uns von Sesam leben‹, ›Lasst uns von Reis leben.‹ Und sie verzehren Reis, {81} essen Reisbrei, trinken Reiswasser, genießen allerlei Gerichte aus Reis. Ich erinnere mich, Sāriputto, nur ein Reiskorn als tägliche Nahrung genossen zu haben. Nun möchtest du wohl, Sāriputto, meinen, es habe damals auch größeren Reis gegeben. Doch wäre eine solche Meinung, Sāriputto, unrichtig: auch damals wurde der Reis nur ebenso groß wie heute. Und indem ich, Sāriputto, nur ein Reiskorn als tägliche Nahrung zu mir nahm wurde mein Körper außerordentlich mager. »Wie dürres, welkes Rohr wurden da meine Arme und Beine durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme, wie ein Kameelhuf wurde da mein Gesäß durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme, wie eine Kugelkette wurde da mein Rückgrat mit den hervor- und zurücktretenden Wirbeln durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme, wie sich die Dachsparren eines alten Hauses queerkantig abheben, hoben sich da meine Rippen queerkantig ab durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme, wie in einem tiefen Brunnen die unten liegenden Wasserspiegel verschwindend klein erscheinen, so erschienen da in meinen Augenhöhlen die tiefliegenden Augensterne verschwindend klein durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme, wie ein Bitterkürbiss, frisch angeschnitten, in heißer Sonne hohl und schrumpf wird, so wurde da meine Kopfhaut hohl und schrumpf durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme. Und indem ich, Sāriputto, die Bauchdecke befühlen wollte traf ich auf das Rückgrat, und indem ich das Rückgrat befühlen wollte traf ich wieder auf die Bauchdecke. So nahe war mir, Sāriputto, die Bauchdecke ans Rückgrat gekommen durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme. Und ich wollte, Sāriputto, Koth und Harn entleeren, da fiel ich vornüber hin durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme. Um nun diesen Körper da zu stärken, Sāriputto, rieb ich mit der Hand die Glieder. Und indem ich also, Sāriputto, mit der Hand die Glieder rieb, fielen die wurzelfaulen Körperhaare aus durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme.
»Und auch dieser Pfad, diese Zucht, diese harte Askese, Sāriputto, brachte mich dem überirdischen, reichen Heilthum der Wissensklarheit nicht näher: und warum nicht? Weil ich eben jene heilige Weisheit nicht errungen hatte, jene heilige Weisheit, deren Errungenschaft sich als heilige Weihe erweist, dem Grübler zur gänzlichen Leidensversiegung.
»Manche Asketen und Brāhmanen, Sāriputto, sagen und lehren: ›Der Kreislauf läutert.‹ Doch ist der Kreislauf, Sāriputto, {82} durchaus kein leichter, den ich auf dieser langen Fahrt nirgends gefunden habe als etwa bei den Reinen Göttern. Und sollt’ ich auch, Sāriputto, nur unter Reinen Göttern kreisen: ich mag in diese Welt nicht wiederkehren.