ch stand heute--hub er an--ein paar Stunden nach Sonnenaufgang am Waldesrande und spähte nach den Türmen Kosambis hinüber, meine Rache an Satagira im Sinne, und die Frage erwägend, ob du mir wohl die erwünschten Aufklärungen bringen würdest: als ich auf der Straße, die vom östlichen Stadttor zum Walde führt, einen einsamen, in einen gelben Mantel gehüllten Wanderer gewahr wurde, der rüstig einherschritt. Zu beiden Seiten des Weges aber waren Hirten und Landleute mit ihren Arbeiten beschäftigt. Und ich sah nun, wie diejenigen, die dem Wege am nächsten waren, jenem einsamen Wanderer etwas zuriefen, während auch die weiter entfernten mit ihrer Arbeit innehielten, ihm nachsahen und mit Fingern auf ihn zeigten. Und die Nächststehenden schienen ihn, je weiter er vorwärts schritt, um so eifriger zu warnen, ja aufhalten zu wollen, indem einige ihm nachliefen und seinen Mantel ergriffen, und dann mit eifrigen und entsetzten Gebärden nach dem Walde zeigten. Fast glaubte ich hören zu können, wie sie ihm zuriefen: "Nicht weiter! Gehe nicht in den Wald! Dort haust ja der schreckliche Räuber Angulimala."
Aber jener Wanderer schritt unbekümmert weiter, dem Walde zu. Und jetzt sah ich an seinem Mantel und an seinem kahlgeschorenen Kopfe, daß es ein Asket war, einer von denen, die dem Orden des Sakyersohnes angehören, ein alter Mann von stattlicher Gestalt.
Und ich gedachte bei mir: "Wunderbar, wahrlich, außerordentlich ist es! Auf diesem Wege sind schon zehn Mann, ja dreißig und fünfzig Mann vereint und bewaffnet ausgezogen und sind alle in meine Gewalt geraten: und dieser Asket da kommt allein, wie ein Eroberer heran!"
Und es verdroß mich, daß er so offen meiner Macht Hohn sprach. So entschloß ich mich denn, ihn zu töten, um so mehr, als ich mir dachte, möglicherweise sei er als Späher von Satagira in den Wald geschickt. Denn diese Asketen--so meinte ich--sind ja alle heuchlerisch und feil und lassen sich zu Allem gebrauchen, indem sie auf die Sicherheit bauen, die sie durch den Aberglauben des Volkes genießen--denn so hatte ich von meinem gelehrten Freunde Vajaçravas gelernt, die Sache zu betrachten.
Schnell entschlossen ergriff ich meinen Speer, hängte Bogen und Köcher um und ging dem Asketen, der jetzt in den Wald eingetreten war, Schritt für Schritt nach.
Als ich aber eine günstige Stelle erreicht hatte, wo keine Bäume uns trennten, blieb ich stehen, nahm den Bogen von der Schulter und schoß einen Pfeil so ab, daß er dem Wanderer in die linke Seite des Rückens eindringen und sein Herz durchbohren mußte; aber er flog über den Kopf des Asketen dahin.
"Da muß sich unter meine Pfeile ein ganz schlechter verirrt haben," sagte ich mir, nahm meinen Köcher zur Hand und wählte einen schön gefiederten, tadellosen Pfeil, mit dem ich so zielte, daß er dem Asketen das Genick durchbohren mußte. Der Pfeil schlug aber links von ihm in einen Baumstamm ein. Der nächste flog rechts von ihm vorbei, und so ging es mit allen Pfeilen, bis mein Köcher geleert war.
"Unbegreiflich, außerordentlich ist das!" dachte ich bei mir. "Habe ich mich doch oft damit belustigt, einen Gefangenen mit dem Rücken an einen Zaun zu stellen und die Pfeile so nach ihm zu schießen, daß, nachdem er zur Seite getreten, der ganze Umriß seines Körpers durch die im Zaune steckenden Pfeile abgezeichnet war--und das auf eine noch größere Entfernung. Bin ich doch gewohnt, mit meinem Pfeil den Adler im vollen Flug aus der Luft zu holen. Was fehlt denn heute meiner Hand?"
Unterdessen hatte jener Asket einen ziemlichen Vorsprung gewonnen, und ich begann hinter ihm her zu laufen, um ihn mit dem Speere zu töten. Nachdem ich ihm aber auf etwa fünfzig Schritte nahe gekommen war, gewann ich ihm keinen Schritt mehr ab, obschon ich mit aller Macht rannte, jener Asket aber ganz gemach vorwärts zu schreiten schien.
Da sagte ich zu mir selber: "Wahrlich, dies ist noch das Wunderbarste von Allem! Habe ich doch sonst oft den scheuen Ilfen und den flüchtigen Hirsch eingeholt, und diesen gemach dahinschreitenden Asketen kann ich jetzt, mit aller Macht laufend, nicht einholen. Was fehlt denn heute meinen Füßen?"