"So weißt du denn ein Höheres als diese Brahmawelt?"
"Diese Brahmawelt ist, wie du siehst, vergänglich. Aber es gibt ein Unvergängliches, ein Ungewordenes. 'Es gibt,' sagt der Herr, 'eine Stätte, wo nicht Erde noch Wasser ist, nicht Licht noch Luft, weder Raumunendlichkeit noch Bewußtseinsunendlichkeit, weder Vorstellung noch Nichtvorstellung. Das heiße ich, ihr Jünger, weder Kommen noch Gehen, weder Sterben noch Geburt; das ist des Leidens Ende, die Stätte der Ruhe, das Land des Friedens, das unsichtbare Nirvana.'"
"Hilf mir, du Heilige, daß wir dort, im Lande des Friedens, auferstehen!"
"'Auferstehen'--hat der Herr gesagt--"das trifft dort nicht zu; Nichtauferstehen, das trifft dort nicht zu. Womit du bezeichnend irgend etwas greifbar machen und erfassen kannst--das trifft dort nicht zu.'"
"Was soll mir aber das Ungreifbare?"
"Lieber frage: was greifbar ist, ist das noch wert, die Hand danach auszustrecken?"
"Ach, Vasitthi, wahrlich, ich glaube, einst muß ich einen Brahmanenmord oder ein ähnliches Verbrechen begangen haben, das mich mit seiner Vergeltung so grausam in dem Gäßchen Rajagahas traf. Denn wäre ich dort nicht jäh ums Leben gekommen, so hätte ich dem Erhabenen zu Füßen gesessen, ja gewiß wäre ich auch wie du bei seinem Nirvana zugegen gewesen. Und ich würde sein wie du bist.--Aber wohlan, Vasitthi--während uns noch Gedanken und Vorstellungen gehören, tue mir dies zu Liebe. Beschreibe mir den Vollendeten genau, auf daß ich ihn im Geiste sehe und somit das erreiche, was mir auf Erden nicht vergönnt war: gewiß wird das mir den Frieden geben."
"Gern, mein Freund," antwortete Vasitthi. Und sie schilderte ihm die Erscheinung des Vollendeten, Zug um Zug, auch nicht das Geringste vergessend.
Aber mißmutig sagte Kamanita:
"Ach, was helfen Beschreibungen! Was du da sagst, das könnte alles ebensogut auf jenen alten Asketen passen, von dem ich dir erzählt habe, daß ich mit ihm zusammen zu Rajagaha in der Halle eines Hafners die Nacht zubrachte, und der wohl nicht ganz so töricht war, wie ich geglaubt habe, denn er hat doch, wie ich jetzt merke, manches Richtige gesagt. Wohlan, Vasitthi, sage mir nichts mehr, sondern stelle dir im Geiste den Vollendeten vor, bis du ihn siehst, wie du ihn zuletzt von Angesicht zu Angesicht gesehen hast; und infolge unserer geistigen Gemeinschaft werde ich dann vielleicht an dieser Vision teilnehmen."