Hier muß es nun auch dem blödesten Auge klar werden, daß die Brahmanähnlichkeit nicht darin liegen kann, geschlagen und gegessen zu werden--wie es der Fall sein müßte, wenn Sanftmut und Selbstverzicht etwas Gutes wäre--sondern im Gegenteil darin, alle Anderen zu schlagen und zu essen--d.h. auszunutzen und zu vernichten--selbst aber von niemand Schaden zu leiden.

Es kann demnach keinem Zweifel unterliegen, daß jene Lehre--von der Höllenstrafe der Gewalttäter--von den Schwachen erfunden ist, um sich vor der Gewalttätigkeit der Starken zu schützen, indem sie dadurch die letzteren einschüchtern wollen.

Und wenn im Veda einige Stellen diese Lehre enthalten, so müssen sie--weil mit den Hauptsätzen unvereinbar--von jenen fälschlich eingeschoben worden sein.

Wenn also der Rigveda sagt, daß, obwohl die ganze Welt eigentlich das Brahman ist, der Gott dennoch den Menschen als das Brahmandurchdrungenste erkenne:--so muß nunmehr anerkannt werden, daß unter den Menschen wiederum der echte und wahre Räuber das Brahmandurchdrungenste Wesen ist und somit die Krone der Schöpfung darstellt. Was aber den Dieb anbelangt, der sich zur Räuberschaft nicht erhebt, so ist es, weil die Schrift des öfteren erklärt, daß die Meinung "dies gehört mir" eine Wahnvorstellung ist, die dem höchsten Zwecke des Menschen hinderlich ist, ohne weiteres klar, daß der Dieb, der eben die beständige tatsächliche Widerlegung jenes Wahnes "dies gehört mir" zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat, die höchste Wahrheit vertritt. Doch steht, wegen seiner Gewalttätigkeit, der Räuber höher.

So ist denn nun das "Krone-der-Schöpfung-Sein" des Räubers erwiesen, sowohl durch Vernunfterwägung, wie mittelst der Schrift, und ist als unwiderlegbar zu betrachten.

[XI. DER ELEFANTENRÜSSEL]

ach dieser Probe der seltsamen Denkweise dieses außerordentlichen Mannes--dem man wenigstens nicht, wie so vielen anderen berühmten Denkern, zur Last legen kann, daß er seine Theorie nicht in die Praxis umsetzte--nehme ich den Faden meiner Erzählung wieder auf.

Bei solchen mannigfachen Erlebnissen und neuen Geistesbeschäftigungen--ich versäumte selbstverständlich nicht, die Gaunersprache mir zu eigen zu machen--konnte die Wartezeit mir nicht lang werden. Je mehr sie sich aber ihrem Ende näherte, um so mehr wurde meine Seelenruhe durch drückende Besorgnisse erschüttert. Würde das Lösegeld überhaupt ankommen? Wenn auch jener Geleitbrief den Diener gegen Räuber schützte, so könnte ihn ja unterwegs ein Tiger zerreißen oder ein angeschwollener Fluß fortschwemmen, oder irgend einer der zahllosen, nicht vorauszusehenden Zufälle einer Reise ihn aufhalten, bis es zu spät war. Die Flammenblicke Angulimalas schossen oft so böswillig nach mir hin, als ob er diesen Fall erhoffte, und der Angstschweiß brach mir dann aus allen Poren. Wie wundervoll systematisch eingeleitet und scharf logisch begründet auch die Ausführung Vajaçravas' darüber war, daß in jedem Fall, in dem das Lösegeld nicht zur rechten Stunde gebracht würde, der Betreffende mit einer Baumsäge durchzusägen und beide Teile mitten auf die Landstraße hinzuwerfen seien--und zwar der Kopfteil nach der Seite des aufgehenden Mondes zu: so gestehe ich doch, daß meine Bewunderung für diese wissenschaftlich gewiß staunenswerte Leistung meines gelehrten Freundes durch eine eigentümliche Bewegung meines etwas "betroffenen" Bauchfelles einigermaßen beeinträchtigt wurde, zumal als wirklich die doppelzähnige Baumsäge, die bei solchen Gelegenheiten benutzt wurde, hergebracht und zur Veranschaulichung von zwei grimmigen Gesellen an einem einen Menschen vorstellenden Bündel in Wirksamkeit gesetzt wurde.

Vajaçravas, der bemerkte, wie mir übel wurde, klopfte mir aufmunternd auf die Schulter und meinte, das ginge mich ja nichts an. Dadurch schöpfte ich natürlich die Hoffnung, daß er mich im Notfalle zum dritten Male retten würde. Als ich aber in dankbarstem Tone etwas davon verlauten ließ, machte er ein gar ernstes Gesicht und sprach: