"Mein Sohn," fing er nun sehr ernst an, "deine Frau hat dir nur zwei Töchter geboren, und es ist keine Aussicht, daß sie dir einen Sohn schenken wird. Nun heißt es ja aber sehr richtig, daß der Mann erbärmlich stirbt, für den kein Sohn das Totenopfer vollziehen kann. Ich tadle dich nicht, mein Sohn," fügte er hinzu, als er bemerken mochte, daß ich etwas unruhig wurde; und obwohl ich nicht wußte, wodurch ich mir in diesem Handel hätte Tadel verdienen können, dankte ich ihm mit geziemender Demut für seine Milde und küßte seine Hand.

"Nein, ich muß mich selber tadeln, weil ich bei der Wahl deiner Frau mich durch weltliche Rücksichten auf Familie und Güter zu sehr habe blenden lassen und nicht genügend auf die Zeichen achtete. Das Mädchen, das ich jetzt für dich im Auge habe, ist zwar aus einer wenig hervorragenden und keineswegs begüterten Familie; auch kann man ihr das, was der oberflächliche Betrachter 'Schönheit' nennt, nicht nachrühmen. Dafür aber hat sie einen tief sitzenden und nach rechts gedrehten Nabel; sowohl Hände wie Füße weisen Lotus-, Krug- und Radmal auf; ihr Haar ist ganz glatt, nur im Nacken hat sie zwei nach rechts gewundene Locken. Von einem Mädchen, das solche Zeichen besitzt, sagen ja die Weisen, daß es fünf Heldensöhne gebären wird."

Ich erklärte mich mit dieser Aussicht vollkommen befriedigt, dankte meinem Vater für die Güte, mit der er für mich sorgte, und sagte, ich sei bereit, das Mädchen sofort heimzuführen. Denn ich dachte: wenn es doch sein muß!...

"Sofort?" rief mein Vater erschrocken aus. "Aber, mein Sohn! Dämpfe dein Ungestüm! Wir sind ja jetzt im südlichen Laufe der Sonne. Wenn diese Gottheit in ihren nördlichen Lauf eintritt, und wir dann die Monatshälfte, in welcher der Mond zunimmt, erreichen, dann wollen wir einen günstigen Tag zur Handergreifung erwählen--aber eher nicht--eher nicht, mein Sohn! Was würden uns sonst alle guten Eigenschaften der Braut nützen?"

Ich bat meinen Vater, unbesorgt zu sein. Ich würde mich so lange gedulden und mich in allen Punkten von seiner Weisheit leiten lassen; worauf er meinen Gehorsam lobte, mir seinen Segen erteilte und mir gestattete, daß ich Erfrischungen kommen ließ.

Endlich nahte der von mir nicht sehr ersehnte Tag, auf den sich alle glückverheißenden Zeichen vereinten. Die Zeremonien waren diesmal noch viel umständlicher; ich hatte vorher volle vierzehn Tage gebraucht, um alle notwendigen Sprüche genau einzustudieren. Welche Angst ich während der Handergreifung im Hause meines Schwiegervaters ausgestanden habe, läßt sich mit Worten kaum beschreiben, Ich zitterte fortwährend vor Furcht, daß ich irgend einen Vers nicht ganz richtig oder genau bei der Bewegung, zu der er gehörte, hersagen möchte; denn mein Vater hätte mir das ja nie vergeben. Und darüber hätte ich beinahe die Hauptsache vergessen, denn anstatt ihren Daumen zu ergreifen, faßte ich nach ihren vier Fingern, als ob ich wünschte, daß sie mir Töchter gebären sollte--aber glücklicherweise hatte die Braut Geistesgegenwart genug, um mir den Daumen in die Hand zu schieben.

Ich war ganz in Schweiß gebadet, als ich endlich zur Abfahrt die Stiere einspannen konnte, während meine Braut in die Kummetlöcher der Geschirre je einen Zweig von einem fruchttragenden Baume steckte. Ich sprach aber den betreffenden Halbvers mit dem Bewußtsein, daß jetzt das Schlimmste vorüber sei. Die Gefahren waren jedoch keineswegs überstanden.

Zwar erreichten wir mein Haus, ohne daß irgend einer von den vielen kleinen Unfällen, die bei einer solchen Gelegenheit wie auf der Lauer liegen, unterwegs sich ereignet hätte. Vor der Tür angekommen, wurde die Braut von drei Brahmanenfrauen unbescholtenen Wandels, die alle nur Knaben geboren hatten, und deren Männer noch lebten, vom Wagen gehoben. So weit ging Alles gut. Nun aber kannst du dir, Bruder, meinen Schrecken denken, als beim Eintreten ins Haus der Fuß meiner Frau beinahe die Schwelle berührt hätte. Ich weiß noch heute nicht, woher ich die Entschlossenheit nahm, sie in meinen Armen hoch empor zu heben und dadurch zu verhüten, daß eine Berührung wirklich stattfände. Immerhin war eine solche Unregelmäßigkeit beim Hineingehen schlimm genug, und dazu kam, daß ich nun selber vergaß, mit dem rechten Fuß zuerst einzutreten. Glücklicherweise waren Alle, und besonders mein Vater, über die drohende Berührung der Schwelle dermaßen entsetzt, daß mein Fehltritt fast gänzlich unbeachtet blieb.

In der Mitte des Hauses nahm ich zur Linken meiner Frau auf einem roten Stierfell Platz, das mit der Nackenseite nach Osten und mit der Haarseite nach oben lag. Nun hatte mein Vater nach langem Suchen und mit unendlicher Mühe ein männliches Wunderkind ausfindig gemacht, das selber nur Brüder und keine Schwester--auch keine gestorbene--hatte und von einem Vater stammte, der sich in demselben Fall befand, nur Brüder zu haben, was sogar auch noch von dessen Vater galt--alles gerichtlich bescheinigt. Dies Knäblein sollte nun meiner Braut auf den Schoß gesetzt werden. Schon stand an ihrer Seite die kupferne Schüssel bereit mit den im Schlamme gewachsenen Lotusblumen, die sie dem Kinde in die zusammengelegten Hände geben sollte;--da war das Unglücksmenschlein nirgends zu finden. Erst nachher, als es schon zu spät war, entdeckte ein Diener, daß der Kleine das Opferbett zwischen den Feuern gar zu verlockend gefunden und sich in dem weichen Grase gewälzt hatte, bis er fast gänzlich darin begraben war. Nun mußte natürlich das Opferbett neu geschichtet und dazu frisches Kugagras geschnitten werden--was schon an sich verkehrt war, weil ja das Gras bei Sonnenaufgang geschnitten sein muß.

Diese Krone des ganzen Werkes fahren lassend, mußten wir uns mit einem in aller Hast herbeigeschafften Knäblein begnügen, dessen Mutter nur Söhne geboren hatte. Mein Vater war aber über das Mißlingen dieser Maßregel, auf die er so große Hoffnung gesetzt hatte, dermaßen erregt, daß ich fürchtete, der Schlag könne plötzlich seinem teuren Leben ein Ende machen. Freilich wäre er unter keinen Umständen jetzt gestorben, um nur nicht dadurch den Zeremonien den allerverderblichsten Abbruch zu tun. Diese tröstliche Betrachtung stellte ich aber damals nicht an. Während ich von entsetzlicher Furcht gequält wurde, mußte ich die Wartezeit bis zur Ankunft des Ersatzknaben damit ausfüllen, daß ich ununterbrochen geeignete Sprüche hersagte, damit ja nicht eine leere Pause entstände.