"Wie könnte ich wohl, o Hausvater, über solche Schimpfereien zürnen, da es mir doch zusteht, wegen viel gröberer Behandlung sogar dankbar zu sein. Denn einst, o Hausvater, begab ich mich, zeitig gerüstet, mit Mantel und Schale versehen, in eine Stadt, um Almosenspeisen zu sammeln. In dieser Stadt aber hatte Mara, der Teufel, gerade damals die Brahmanen und Hausväter gegen den Orden der Heiligen aufgehetzt. 'Geht mir mit euren tugendhaften, edelgearteten Asketen! Beschimpft sie, beleidigt sie, verjagt sie, verfolgt sie.' Und so geschah es, Hausvater, als ich nun die Straßen daherging, daß bald ein Stein mir an den Kopf flog, bald ein Scherben mich im Gesicht traf, bald ein Stock meinen Arm halb zerquetschte. Als ich nun mit zerschnittenem, von Blut überströmtem Kopfe, mit zerbrochener Schale und zerrissenem Mantel zum Meister zurückkam, sagte dieser: 'Dulde nur, Asket, dulde nur! Um welcher Tat Vergeltung du viele Jahre Höllenqual erlitten hättest, dieser Tat Vergeltung findest du noch bei Lebzeiten.'

Bei den ersten Lauten seiner Stimme zuckte mir ein jäher Schreck durch den Leib vom Scheitel bis zur Sohle, und mit jedem Wort durchdrang ein eisiges Erstarren tiefer mein ganzes Wesen. Denn das war ja, o Bruder, die Stimme Angulimalas, des Räubers--wie konnte ich daran zweifeln? Und als mein krampfhafter Blick sich an sein Gesicht heftete, erkannte ich auch dieses wieder, obschon ihm früher der Bart fast bis an die Augen gegangen und das Haar ihm tief in die Stirn gewachsen war, während er jetzt kahl und rasiert vor mir stand. Nur zu gut erkannte ich die Augen unter den buschigen, zusammengewachsenen Brauen wieder, obwohl sie mir nicht wie damals Zornesblitze entgegensprühten, sondern mit tiefer Verstellungskunst mich vielmehr freundlich anblickten; und die sehnigen Finger, die die Almosenschale umspannten--gewiß waren es dieselben, die einst wie Teufelskrallen meine Kehle umklammert hatten.

"Wie sollte ich wohl, o Hausvater"--fuhr mein unheimlicher Gast fort,--"wie sollte ich wohl über Schimpfreden in Zorn geraten? Denn der Meister hat ja gesagt: 'Wenn auch, ihr Jünger, Räuber und Mörder euch mit einer Baumsäge Gelenke und Glieder abtrennten, so würde, wer da in Wut geriete, nicht meine Weisung erfüllen.'"

Als ich aber, o Bruder, diese Worte mit ihrer so teuflisch versteckten und mir so deutlichen Drohung vernahm, zitterten mir die Beine dermaßen, daß ich mich an der Wand festhalten mußte, um nicht umzusinken. Nur mit Mühe vermochte ich mich so weit zusammenzunehmen, daß ich, mehr noch durch Gebärden als mit einigen hergestammelten Worten, dem als Asketen verkleideten Räuber bedeuten konnte, er möchte sich gedulden, bis ich die Speisen beschafft hätte.

Dann eilte ich, so schnell wie meine wackeligen Beine mich tragen wollten, quer über den Hof in die große Küche, wo gerade das Mittagsmahl für meine Familie und die ganze Haushaltung zubereitet wurde, und es in allen Pfannen und Töpfen briet und brodelte. Hier wählte ich nun ebenso schnell wie sorgfältig das Beste und Schmackhafteste aus. Mit einer goldenen Kelle bewaffnet und von einer ganzen Schar schüsseltragender Diener gefolgt, stürzte ich wieder in den Hof, um meinen furchtbaren Gast zu bedienen und womöglich zu versöhnen.

Angulimala aber war verschwunden.

[XVI. KAMPFBEREIT]

alb ohnmächtig sank ich auf eine Bank nieder. Doch fingen meine Gedanken sofort wieder zu arbeiten an. Angulimala war dagewesen, dessen war kein Zweifel; und auch der Grund seines Kommens war mir nur zu klar. Wie viele Geschichten hatte ich nicht über seine Unversöhnlichkeit und Rachsucht gehört! Nun hatte ich ja aber das Unglück gehabt, seinen besten Freund zu erschlagen, und von meinem Aufenthalt unter den Räubern wußte ich wohl, daß die Freundschaft bei ihnen nicht weniger gilt als bei einer ehrsamen Bürgerschaft, wenn nicht sogar weit mehr. Als ich aber sein Gefangener war, konnte Angulimala mich nicht töten, ohne sich gegen die Regeln der "Absender" zu versündigen; und trotzdem hätte er es zweimal beinahe getan und damit einen unauslöschlichen Fleck auf seine Räuberehre gesetzt. Nun aber hatte er endlich dieses, von dem sonstigen Gebiete seiner Tätigkeit weit abseits gelegene Land aufsuchen können und wollte jetzt das Versäumte nachholen. In der Verkleidung eines Asketen hatte er die Örtlichkeiten bequem in Augenschein nehmen können und ohne Zweifel wollte er noch in derselben Nacht handeln. Wenn er auch bemerkt haben mochte, daß ich ihn wieder erkannte, durfte er doch nicht zögern, denn diese Nacht war die letzte der dunklen Hälfte des Monats, und ein Unternehmen wie dieses in der lichten Hälfte auszuführen, wäre ein Verstoß gegen die heiligen Räubergesetze gewesen, der ihm den strafenden Zorn der schrecklichen Göttin Kali hätte zuziehen müssen.

Sofort ließ ich mein bestes Pferd satteln und ritt in die Stadt nach dem Palast des Königs. Leicht hätte ich bei ihm Zutritt erhalten, aber zu meiner Enttäuschung erfuhr ich, daß er sich gerade in einem seiner fernen Jagdschlösser aufhielt. Ich mußte mich also damit begnügen, den Minister aufzusuchen. Dieser war gerade derselbe Mann, der einst jene Gesandtschaft nach Kosambi geführt hatte und in dessen Obhut, wie du dich erinnern wirst, ich wohl hin--aber nicht zurückgereist war. Seit jenem Tage nun, an dem ich mich geweigert hatte, ihm zu folgen, war er mir nicht sehr gewogen, was ich bei verschiedenen Begegnungen gespürt hatte, wie ich denn auch wußte, daß er sich des öfteren über meinen Lebenswandel aufgehalten hatte. Bei ihm meine Sache vorbringen zu müssen, war mir nicht gerade angenehm; indessen ihre Berechtigung, ja sogar Verdienstlichkeit war so augenscheinlich, daß hier, wie mir schien, für persönliche Ab- oder Zuneigung wenig Spielraum war.