In diesem Augenblick schwebte eine safrangelbe Asokablume nieder und blieb gerade vor meinen Füßen liegen. Aber ich hatte vor Verwunderung zu zählen aufgehört und wußte daher nicht mehr festzustellen, ob sie vor oder nach der Zahl Hundert gefallen war.

Als die Gruppe nun aus dem Mauerschatten in das volle Mondlicht heraustrat, sah ich mit Entsetzen, daß jene Riesengestalt mit Eisenketten beladen war. Die Hände waren ihm auf dem Rücken gefesselt; um die Fußknöchel klirrten schwere, durch Kugelstangen verbundene eiserne Ringe, von denen doppelte Eisenketten zum Halsringe hinaufführten, an welchen wiederum zwei andere Ketten befestigt waren, die von zwei Reisigen gehalten wurden. Wie bei Einem, der zum Richtplatz geführt wird, hing ihm ein Gewinde von roten Kanaverablüten um den Nacken und die haarige Brust, und das rotgelbe Backsteinpulver, mit dem sein Haupt bestreut war, ließ das wirr über die Stirn herabhängende Haar und den fast bis an die Augen reichenden Bart noch wilder erscheinen. Aus dieser Maske hervor blitzten die Augen mir entgegen--jedoch nur eben blitzartig schnell; dann senkte sich der Blick und irrte scheu wie der eines bösen Tieres am Boden umher.

Wen ich vor mir hatte, danach hätte ich auch dann nicht zu fragen gebraucht, wenn die Kanaverablüten jenes Wahrzeichen seines furchtbaren Namens verdeckt hätten: das Halsband von Menschendaumen.[1]

[1] Angulimala = Fingerkranz.

"Nun, Angulimala," brach Satagira das Schweigen, "wiederhole vor dieser edlen Jungfrau, was du auf der Folter von der Ermordung des jungen Kaufmanns Kamanita aus Ujjeni gestanden hast."

"Kamanita wurde nicht ermordet," antwortete der Räuber mürrisch, "sondern gefangen genommen und unseren Gebräuchen gemäß umgebracht."

Und er erzählte mir nun in wenigen Worten, was mein Vater mir schon darüber gesagt hatte.

Ich stand unterdessen mit dem Rücken an den Asokabaum gelehnt und hielt mich mit beiden Händen an den Stamm gestützt, die Fingernägel krampfhaft in die Rinde grabend, um nicht umzusinken. Als Angulimala zu Ende gesprochen hatte, schien sich Alles um mich im Kreise zu drehen. Noch gab ich es aber nicht auf.

"Du bist ein ehrloser Räuber und Mörder," sagte ich, "was kann mir dein Wort gelten? Warum solltest du nicht aussagen, was der dir befiehlt, in dessen Gewalt dich deine Missetaten gebracht haben?"