Muß man nicht hier ein spezielles schlechtes Regierungssystem, so muß man vielleicht den ganzen modernen Staat anklagen. In meinen Pariser Briefen hab' ich von unserer Politik gesprochen, die nur den Menschen ausbeutet, nicht ihm hilft, das Genommene zu ersetzen. Ich habe ein Ministerium der öffentlichen Wohlfahrt vorgeschlagen, das sich mit positiven Schöpfungen beschäftigen müsse, um das Individuum vor dem Staate zu sichern, den Acker, den man beernten will, auch zu besäen. Hier ist ein neues Ziel, das eine solche Institution sich stecken müßte. Zerstört diesen Isolierungstrieb! Bindet die Menschen für ihre Vergnügungen aneinander! Erfindet etwas im Zeitalter der Erfindungen! Erfindet etwas Geistiges, etwas Moralisches, neben dem vielen Technischen und Materiellen! Was könnte Berlin Ersatz geben für den Mangel einer heiteren und zerstreuenden Natur? Was könnte diese Tausende von gedankenlos zum Tor hinauswandelnden Sonntagsspaziergängern vereinigen? Was kann das Innere der Stadt abends bieten, wenn die Sonne untergegangen ist und man heimkehrt und nicht in seine vier Pfähle rückkehren will? Denkt doch darüber nach, ihr philosophischen Staatsmänner, die ihr jetzt in Berlin das Ruder in Händen habt! Gebt dem Volke nicht etwa polizeilich angeordnete Spektakel, sondern weckt den Trieb des Volkes, selbst dergleichen zu erfinden oder sich an dem von fremdher gegebenen Anstoß zu beteiligen. Ehrt die Neigung zur Öffentlichkeit! Verbietet nicht, wie das noch vor vier Jahren in Berlin beim Buchdruckerfest so gehässig war, öffentliche Aufzüge; laßt die Menschen sich menschlich austoben, dann werden sie nicht in die Kellerlöcher kriechen und es tierisch tun. Eines der sichersten Mittel zur Volksveredelung sind die Theater. Ich erinnere an die wahren Worte, die ich von Guizot in meinen Pariser Briefen mitteilte: "Ein starker Theaterbesuch leitet alle schlechten Gelüste der niedern Volksklassen ab." Berlins Opernhaus wirkt wenig auf die Moralität, das Schauspielhaus erhielt durch den vorigen König ganz jenen Privatcharakter, der in allem die Grundlage so vielen Verderbens für Berlin ist, das Königsstädter Theater hat zwischen Nestroys Possen und der glänzenden italienischen Oper, wo Rubini per Abend 800 Taler bekommt und die Preise der Plätze verdreifacht sind, keinen Mittelweg. Das Theater, in Wien und Paris ein so harmloser Hebel der Sittlichkeit, ist in Berlin eine künstliche Anstalt, die mit dem Volke in keiner anregenden Verbindung steht. Entweder muß man in Berlin die Hofbühne entschieden zur Volksbühne umwandeln, oder Vorstadttheater gestatten, eines für die Gegend nach dem Köpenicker Felde zu und ein anderes nach der Richtung des neuen Hamburger Tores. Nur vorläufig zwei solcher Theater, gut beaufsichtigt, in Hinsicht der vorzustellenden Stücke völlig freigegeben, mit niedrigen Eingangspreisen. Zwei solcher Volkstheater, natürlich mit Aufhebung der bestehenden sogenannten Liebhabertheater, könnten den auffallendsten Einfluß auf die Sittenverbesserung Berlins haben.

Endlich ist der dritte Punkt die Volksbildung selbst und die Religion. Für die erste, insoweit sie durch Schulen erreicht wird, ist wohl in Berlin hinlänglich gesorgt. Nicht umsonst hat man vielleicht der vorigen Regierung ihr Schulwesen nachgerühmt. Aber es ist eine bekannte Tatsache, daß Kenntnisse an und für sich noch nicht die Sitten reinigen. Sie befördern zuweilen eher die Verschlagenheit und machen nur geschickter zu den Verbrechen. Aus Rechnen, Lesen und Schreiben wird noch kein sittlicher Mensch. Der Konfirmandenunterricht wird in Berlin nicht eben sehr ernst betrieben. Das "Eingesegnetwerden" ist ein mehr bürgerlicher, als geistlicher Akt. Die Zahl der Konfirmanden ist zu groß und dem Geistlichen fehlt in allem, so auch hier die durchgreifende Beaufsichtigung seiner Gemeinde. Sie ist bei einer so großen Stadt und der Freiheit vom Beichtzwange schwer oder ganz unmöglich. Tun nun die Kirchen ihre Pflicht? Wird die Religion so gepredigt, daß sie veredelnd und tief in die Sittlichkeit des Volkes eingreifen kann?

Das ist denn wiederum ein wichtiger und außerordentlich schlagender Punkt, wo sich die Gebrechen der vorigen Regierung offen zur Schau geben. Nein, das Christentum hat in Berlin die Wirkung nicht, die es haben könnte und haben sollte. Christus wird in Berlin in einer Weise gepredigt, die höchst beseligend, höchst beglückend auf einen Einzelnen wirken kann. Es gibt wahre Frömmigkeit in Berlin. Es gibt Versammlungen, in denen man sich mehr erbaut als in den Kirchen, es gibt Kirchen, in denen ein warmes, für den Himmel läuterndes Christentum sicher mit dem trostreichsten Erfolge für das Glück vieler Familien gepredigt wird. Aber was kann auf unsere Zeit der Pietismus im großen und ganzen wirken? Ein Lamm rettet man; was geschieht aber, um die tausend Räudigen anzulocken? Haben wir gesehen, daß in Berlin alles Privatsache geworden war, so ist auch das Christentum dort Privatsache geworden. Einzelne Prediger, wie Couard, Strauß, Arndt haben einen großen Zulauf, aber nur von gläubigen Seelen, von solchen, die sich im Christentum befestigen, nicht von solchen, die erst für seine Wahrheiten gewonnen werden. Die Masse geht nicht in diese Kirchen. Sie würde gehen, wenn dieser theologische Radikalismus ihr die Tugend nicht gar zu schwer machte. Man soll dort einen ganz neuen Menschen anziehen, nicht neue Lappen auf das alte Kleid flicken, nicht jungen Wein in alte Schläuche füllen, sondern ein ganz neugeborener Mensch werden. Dies Christentum kann nie auf die Masse wirken, diese Besserungsmethode der Menschheit setzt einen religiösen Heroismus voraus, der sich nur bei wenig Auserwählten findet und so ist in Berlin auch die Religion, die erste Springfeder des sittlichen Volkslebens, aus Überreligion ohne durchgreifende Wirkung.

Um dem Christentume Allgemeinheit und Einfluß auf die Sittlichkeit einer Nation zu geben, muß es entweder auf den Aberglauben wirken, wie durch die mystischen Zauber des Formendienstes im Katholizismus, oder es muß mit schlichter Einfachheit und überzeugender Wärme auf die moralischen Grundwahrheiten zurückgeführt werden. Ein protestantischer Staat kann für seinen sittlichen Zweck auf die mitwirkende Kraft des Christentums nur dann rechnen, wenn er den Predigern einen klaren, gefühlvoll und beredsam vorgetragenen Rationalismus zur Bedingung macht. Es ist mit der Religion gerade wie mit der Poesie. Dem Gebildeten mögen Körner, Tiedge und ähnliche Talente sehr tief stehen, aber die Masse findet ihre Rhetorik sehr schön und begreift nicht, was uns an Novalis, Brentano und selbst an Goethe mehr anziehen kann. Ein geistvoller Gedanke geht der Menge verloren, während sie einem Gemeinplatze zujubelt. So mögen die Denker und Gefühlsmenschen im Christentum die tieferen Bezüge ansprechen und beschäftigen: Als Religion, als sittliche Hilfsmacht wirkt das Christentum nur durch eine talentvolle, mit Geschmack und Beredsamkeit vorgetragene Ausbeute seiner moralischen und gefühligen Grundwahrheiten. Wer mir Prediger sein wollte, dürfte mir mit seiner Rechtfertigungstheorie, mit der Wiedergeburt, der Genugtuungslehre und der üblichen pietistischen Polemik nicht auf die Kanzel kommen. Hätte man in Berlin geistvolle und beredte nationalistische Geistliche wie Schmaltz in Hamburg, Böckel in Oldenburg, Friedrich in Frankfurt, Goldhorn in Leipzig, Bretschneider in Gotha, hätte man statt einer Clique junger Kopfhänger eine Schule wahrhaft menschheitsveredelnder, talentvoller junger Kanzelredner gestiftet, die Kirchen würden überfüllter und die Gefängnisse leerer sein.

Man mag gegen Friedrich Wilhelm IV. gestimmt sein, wie man will, soviel ist gewiß, er will seine Länder im großen Stil regieren. Hier wäre denn Gelegenheit genug zu den glorreichsten Schöpfungen.

[Nachtrag:]

In dem Aufsatz: "Berlins sittliche Verwahrlosung" hat man es auffallend gefunden, daß von einem zweiten und dritten Grunde dieses Übels die Rede ist, ohne daß des ersten erwähnt wird. Der erste Grund war aus der Politik und der mangelnden Öffentlichkeit unter dem vorigen Könige hergeleitet, doch mußte die nähere Ausführung aus unmittelbar vor dem Druck des Blattes geltend gemachten Rücksichten wegbleiben, deren Natur jeder Kundige erraten wird. So viel, um wenigstens die logische Ordnung des Artikels herzustellen.

Geist der Öffentlichkeit (1844)

Berlin ist eine Weltstadt geworden. Früher war Berlin nur eine große Stadt. Berlin hat an Bewohnerzahl und Umfang unglaublich zugenommen, aber in dieser äußern Vergrößerung liegt der auffallende Fortschritt nicht allein. Er liegt im erweiterten Anschauungs-Horizont, im Durchbruch nicht allein von Straßen und neuen Toren, sondern im Durchbruch alter Vorurteile und Gewohnheiten, im vermehrten geistigen Betriebskapital, in der Zunahme eines Selbstbewußtseins, das sich mit einem großen sittlichen Nationalleben in Zusammenhang zu setzen verstanden hat. Es ist überraschend, wie sich die schlummernden Kräfte allmählich entwickelt haben. Von unten fängt das an und hört oben, in idea1ster Höhe, auf. Der Eisenbahnverkehr hat Berlin endlich in jenen unmittelbaren Zusammenhang mit andern großen Städte-Entwickelungen gebracht, der ihm früher fehlte. Früher bezogen sich nur Potsdam, Brandenburg, Treuenbrietzen, Bernau auf Berlin, jetzt Leipzig, Magdeburg, die Ostsee und bald Hamburg und Schlesien. Der frühere kleinstädtische Geist ist gewichen, große Gasthöfe sind entstanden, die Basis aller gemeinschaftlichen Unternehmungen beruht auf breiteren Dimensionen. Man sieht das, bewundert es, oder muß wenigstens seine Freude daran haben.

Was man in auswärtigen Zeitungen als die laufende Tagesordnung von Berlin besprochen findet, das ist alles keineswegs Erfindung, sondern Tatsache, durchgesprochene, lebendige Tatsache. Es stehen sich hier wirklich Parteien und Parteien, Menschen und Menschen gegenüber. Es hat sich hier wirklich ein Geist der Öffentlichkeit entwickelt, dem bis zur Stunde zwar edle und würdige sowohl, wie dauernde und belebende Organe fehlen, ich meine die Organe faktischer Institutionen, dessen Ringen und Drängen aber so mächtig ist, daß es Augenblicke geben kann, wo wir uns im Anschauen dieser Strebungen nach Paris versetzt glauben. So wie jetzt in Berlin muß es zur Zeit der Restauration in Paris gewesen sein. Das Katheder ist die vorläufige Volkstribüne, die Wissenschaft die vorläufige Politik. Wie das wogt und treibt! Keine Meinung will mehr allein stehen, eine Bestrebung lehnt sich an die andere. In Berlin wohnen und nichts wirken, nichts vorstellen, nichts vertreten, ist der geistige Tod, ist Nullität, heißt wenigstens Nullität, und jeder fürchtet sie. Man hat angefangen, die Bedeutung eines öffentlichen Charakters zu fühlen. Die ruhmvol1sten Namen aus der alten Schule sieht man im Verkehr mit den erst sich machenden aus der jungen. Unpopulär zu sein, wagt niemand. Jeder muß einen Kreis von Gleichgesinnten um sich haben, er muß sich nach Anlehnungen umsehen. Kann er nicht selbst einen Mittelpunkt bilden, so ordnet er sich unter und wird Stammgast im Salon eines andern. Berlin hat seine Salons, in der Tat Salons im französischen Wortsinne. Ich muß sogar so weit gehen, zu behaupten, daß es mit Geldkosten verknüpft ist, in Berlin eine eigene Meinung zu haben. Man muß seinen offenen Mittwoch, seinen offenen Freitag, seinen Dienstag haben, um hier ein durchgreifender, öffentlicher Charakter zu sein. Das ist kostspielig, hier mit Tieck, mit den Grimms, mit Herrn von Savigny zu rivalisieren. Man muß wünschen, daß sich diesen Gasströmungen von Ehrgeiz, Tendenz, Zorn, Begeisterung, Rache, ehe es eine Explosion gibt, bald ein luftreiner Zylinder darbieten möchte, ein Abzug ins öffentliche, große Volksleben, durch irgendeine Tatsache, durch irgendein Ereignis, durch irgendeinen Schritt weiter auf der betretenen Bahn besonders des Ausbaues der ständischen Institutionen. Dies oder irgend etwas anderes muß erfunden werden, um diesem Wettkampf von Meinungen und Leidenschaften eine schöne höhere Wahrheit zu geben und solchen Zerrüttungen vorzubeugen, wie sie z.B. jetzt infolge der traurigen Grimmschen Erklärung, durch welche sich zwei berühmte Namen um alte Liebe und Hingebung gebracht haben, schon eingetreten sind.