Die Großmächte, deren Vertreter auf Anregung Kiderlens beim Ausbruch des Krieges in London zu einer ständigen Konferenz zusammengetreten waren, hatten zunächst die Aufrechterhaltung des status quo auf dem Balkan ohne Rücksicht auf den Gang, den die militärischen Operationen nehmen sollten, proklamiert. Dieser Standpunkt wurde angesichts der großen und raschen Erfolge der Balkanstaaten unhaltbar. Die Balkanfrage war jetzt in vollem Umfang und in ihrer ganzen Gefährlichkeit aufgerollt.

Das Bestreben der deutschen Politik war, einmal zu verhindern, daß Österreich-Ungarn in den Konflikt hineingezogen würde, ferner die österreichisch-ungarischen und die italienischen Interessen in Einklang zu bringen; schließlich England und womöglich auch Frankreich gegenüber dem russischen Ungestüm für eine Politik des kalten Blutes zu gewinnen.

Unmittelbar vor Ausbruch des Krieges hatte die türkische Regierung das sofortige Eingreifen Österreich-Ungarns durch das Angebot des Sandschaks Novibazar herbeizuführen versucht. Kiderlen setzte sich in Wien für die Ablehnung dieses verlockenden Angebotes ein, dessen Annahme wohl den sofortigen Krieg mit Rußland zur Folge gehabt hätte. Nachdem der status quo unwiederbringlich verloren schien, nahm Österreich-Ungarn das lebhafteste Interesse daran, daß Albanien nicht unter serbische Herrschaft komme und daß Serbien sich nicht bis zur Adria ausdehne. Gegenüber den teilweise römisch-katholischen Albanesen hatte Österreich sich schon seit längerer Zeit als Schutzmacht gefühlt und war in diesem Sinne für dieses Bergvolk bei der Pforte eingetreten. In einem Vordringen der Serben über albanesisches Gebiet bis zum Meer sah die österreichisch-ungarische Politik eine nicht erträgliche Steigerung der großserbischen Bedrohung vom Südosten her.

Über ihren Standpunkt in dieser Frage hatte die Wiener Regierung von Anfang an keinen Zweifel gelassen. Als Anfang November der französische Ministerpräsident Poincaré den Vorschlag machte, die sämtlichen Großmächte möchten ihr vollständiges Desinteressement an den balkanischen Dingen erklären, konnte man deshalb in diesem Vorschlag nur einen bewußten und gewollten Vorstoß gegen Österreich-Ungarn erblicken.

Der Vorstoß wurde abgeschlagen. Ebenso wie die österreichisch-ungarische Regierung war die italienische Regierung entschlossen, sich bei Veränderungen des territorialen Status auf der Balkanhalbinsel nicht beiseiteschieben zu lassen. In Unterhaltungen mit San Giuliano, dem italienischen Minister des Auswärtigen, der in jenen Novembertagen zur Besprechung über die Erneuerung des Dreibundes in Berlin weilte, gelang es, eine einheitliche Politik der Dreibundmächte in der Balkanfrage festzulegen. Vor allem einigte man sich über die Schaffung eines autonomen Albaniens, das unter österreichisch-ungarischem und italienischem Schutze stehen sollte.

Das geschlossene Auftreten der Dreibundmächte tat seine Wirkung. Vor allem rückte die britische Regierung von dem Vorstoß Poincarés ab. Kiderlen erzählte mir am 9. November, England zeige uns gegenüber eine auffallende Beflissenheit. Der britische Botschafter sei in seiner ganzen Amtszeit noch nie so häufig unaufgefordert zu ihm gekommen und habe sich noch nie so eingehend mit ihm ausgesprochen wie in den letzten acht Tagen; und ebenso lasse Sir Edward Grey fortgesetzt den deutschen Geschäftsträger zu sich bitten. Das Ergebnis dieser deutsch-englischen Konversationen kam zum Ausdruck in einer Rede des britischen Premierministers Asquith beim Lordmayorsbankett am 9. November, in der er sagte: England sei an den Veränderungen auf dem Balkan nicht unmittelbar interessiert; es seien aber andere Mächte vorhanden, von denen nicht erwartet werden könne, sie würden nicht verlangen, daß ihre Stimme gehört werden müsse, wenn die Zeit für die endgültige Regelung gekommen sei. Solange der Kriegszustand andauere, lehne es die britische Regierung ab, einzelne Fragen zu behandeln, die getrennt und sogleich aufgeworfen wahrscheinlich nicht wieder gutzumachende Differenzen hervorrufen würden, die aber wohl ein besseres Aussehen annehmen würden, wenn man sie zurückstellte, um sie dann unter dem weiteren Gesichtspunkt des allgemeinen Ausgleichs zu behandeln.

Also im Gegensatz zu dem Vorschlag Poincarés eine glatte Anerkennung der Berechtigung des österreichisch-ungarischen und italienischen Verlangens, bei der Neuregelung der territorialen Verhältnisse auf dem Balkan mitzureden; aber im Einverständnis mit der deutschen Politik Zurückstellung der Einzelfragen bis zu dem Zeitpunkt, der eine Gesamtregelung gestatten würde.

Auffallend, aber bezeichnend für die englische Politik, ist die Tatsache, daß jenes Abrücken der britischen Regierung von dem von der französischen Regierung unklugerweise eingenommenen Standpunkt und ihre Zusammenarbeit mit der deutschen Diplomatie zeitlich fast zusammenfiel mit einer starken formellen Bekräftigung der diplomatischen und militärischen Entente mit Frankreich. Am 22. und 23. November 1912, also vierzehn Tage nach der Guildhall-Rede des Herrn Asquith, wurde der Schriftwechsel zwischen Sir Edward Grey und M. Paul Cambon ausgetauscht, der zum erstenmal die seit 1906 getroffenen mündlichen Abreden über eine englisch-französische Kooperation im Falle eines „nicht herausgeforderten Angriffs“ schriftlich niederlegte. Die Vermutung eines ursächlichen Zusammenhangs liegt nahe. Die französische Regierung fühlte sich durch das englisch-deutsche Zusammengehen in den Balkanfragen zweifellos beunruhigt, und die leitenden britischen Staatsmänner hielten es für angezeigt, diese Beunruhigung dadurch zu beheben, daß sie dem französischen Ententegenossen ein stärkeres formelles Pfand, als es bisher gegeben worden war, in die Hand drückten und ihm dadurch die Gewißheit gaben, daß durch eine gelegentliche Meinungsverschiedenheit in Fragen der diplomatischen Taktik an dem britisch-französischen Bundesverhältnis nichts geändert werde.