Während wir mit klopfendem Herzen dem Siegeslauf unserer Armeen folgten, stürmten schwere politische Sorgen auf uns ein.

Die Entente war nicht imstande, den wuchtigen Schlag, den wir militärisch gegen Rußland führten, durch einen Gegenschlag zu parieren. Die Loretto-Offensive brachte ihr zwar einigen nicht unwichtigen Geländegewinn; aber sie vermochte ebensowenig, wie im Februar und März die Champagne-Offensive, unsere Stellungen zu durchbrechen oder uns zu zwingen, die russische Armee freizugeben. Dafür suchte die Entente Entlastung auf diplomatischem Gebiete. Rumänien und Bulgarien wurden gleichzeitig in Bearbeitung genommen. Das Ziel war, einen neuen Balkanbund herzustellen, die Türkei endgültig von uns zu trennen, Konstantinopel und die Dardanellen durch eine vom Lande her mit der Ententeflotte und dem Landungskorps von Gallipoli zusammenwirkende Armee zu forcieren und gleichzeitig vom Osten und Südosten her einen umfassenden Angriff der vereinigten Balkanstaaten auf Österreich-Ungarn anzusetzen, der unserer Offensive gegen Rußland ein Ende setzen sollte. Zusammen mit dem vom Süden und Südosten zu führenden Einmarsch der italienischen Armeen sollte diese Aktion den Zusammenbruch der Donaumonarchie und das Ende des Krieges bringen. Mit allen Mitteln wurde darauf hingearbeitet, die beiden Balkanstaaten diesem Plane dienstbar zu machen. Geld wurde ebensowenig gespart wie Versprechungen.

Unsere Gegenaktion war besonders schwierig in Rumänien, wo mit dem Tode des Königs Carol die letzte Stütze der Mittelmächte gefallen war und der Hof, die Regierung, die Armee und das Volk aus der Geneigtheit, im geeigneten Zeitpunkt mit der Entente zu gehen, überhaupt keinen Hehl mehr machten. Den Versprechungen der Entente, die den Rumänen Siebenbürgen und Ungarn bis zur Theiß in Aussicht stellte, vermochten wir nichts annähernd Gleichwertiges gegenüberzustellen. Auch wenn es gelang, die ungarische Regierung zu erheblichen Zugeständnissen an die ungarländischen Rumänen zu bewegen, auch wenn man die Rumänen auf Bessarabien hinwies, selbst wenn man ihnen die Bukowina anbot, was wollte dies besagen gegenüber der von der Entente eröffneten Aussicht auf ein im Umfang und der Bevölkerung verdoppeltes Großrumänien! Zwar feilschte man um Kleinigkeiten, so um das Banat, auf das auch Serbien Ansprüche erhob; aber diese Differenzen waren nicht das retardierende Element in den Entschlüssen der Bratianu und Take Jonescu, sondern einzig und allein die mangelnde Sicherheit des unbedingten Erfolges. Man wollte einer starken russischen Hilfe für die Moldau, einer Deckung gegen Bulgarien für die Walachei vergewissert sein, ehe man sich entschloß, einzugreifen. Demgegenüber gab es für die Mittelmächte nur ein Mittel, Rumänien draußen zu halten oder gar es auf ihre Seite zu bringen: wir mußten als die Stärkeren erscheinen und in der Lage sein, auf Rumänien einen unmittelbaren militärischen Druck auszuüben.

Auch in Bulgarien lagen die Verhältnisse für unsere Diplomatie nicht leicht. Zwar war der Haß gegen Serbien und Rumänien groß. Serbien hatte sich im zweiten Balkankrieg den in den ursprünglichen Abmachungen Bulgarien zuerkannten Hauptteil von Mazedonien angeeignet. Die bulgarischen Mazedonier aber waren seit langem die eifrigsten und tätigsten bulgarischen Nationalisten und spielten in Sofia eine große und einflußreiche Rolle. Die Rumänen hatten durch ihre Intervention das Schicksal Bulgariens im zweiten Balkankrieg entschieden und den Bulgaren die südliche Dobrudscha abgenommen. Aber auch mit Griechenland, das die Mittelmächte neutral zu halten wünschten und bisher mit dem König und gegen Venizelos neutral gehalten hatten, und mit der Türkei, die an unserer Seite kämpfte, hatten die Bulgaren Rechnungen zu begleichen. Griechenland hatte sich nicht nur in dem auch von den Bulgaren begehrten Saloniki festgesetzt, sondern den Bulgaren im zweiten Balkankriege die wertvollen Gebiete von Serres, Drama und Cavalla abgenommen. Die Türkei, die nach dem ersten Balkankrieg auf die Linie Enos-Midia zurückgedrängt war, hatte den zweiten Balkankrieg benutzt, um sich Adrianopel sowie einen bis an die Maritza heran- und über die Maritza hinausreichenden Geländestreifen wiederzuholen. Auch das war eine noch nicht vernarbte Wunde. Die Entente bot den Bulgaren Mazedonien und Thrazien an, war aber hinsichtlich Mazedoniens durch serbischen und griechischen Widerstand, hinsichtlich einer allzu starken Annäherung an Konstantinopel durch russische Empfindlichkeiten behindert.

Spiel und Gegenspiel auf dem Balkan war in vollem Gange und schien der Entscheidung zuzudrängen, als Italien am Pfingstsonntag 1915 an Österreich-Ungarn den Krieg erklärte. Aus zuverlässiger Quelle hatten wir vorher Nachrichten über Abmachungen zwischen Italien und Rumänien erhalten, nach denen die beiden Staaten sich dahin verständigt hatten, gemeinschaftlich einzugreifen. Aber schon in den Wochen vor der italienischen Kriegserklärung war es klar, daß Rumänien noch zögerte. Es war wohl in erster Linie unser Sieg von Gorlice und seine Auswirkung, die Rumänien noch zur Zurückhaltung veranlaßten; aber die Lage Rumänien gegenüber blieb prekär.

Die Bulgaren zeigten sich zurückhaltend und warteten offenbar auf Anerbietungen, die wir ihnen in Rücksicht auf die Türkei nicht machen konnten. Auch die auf Kosten Griechenlands gehenden Wünsche konnten wir nicht erfüllen. In Athen kämpfte König Konstantin mit Venizelos einen schweren Kampf um die griechische Neutralität. Hätten wir Bulgarien damals die griechischen Provinzen an der Bucht von Cavalla versprochen, so hätten wir uns die bulgarische Unterstützung mit der Kriegserklärung Griechenlands erkauft. Wir drückten auf die Türkei, die Entente drückte auf Serbien und Griechenland, um die Voraussetzungen für ein Gewinnen Bulgariens zu schaffen. Oft schien die Entscheidung auf des Messers Schneide zu stehen. Aber auch hinsichtlich Bulgariens hatte ich den Eindruck, daß den Ausschlag nur ausreichende militärische Garantien für den Erfolg seines Losschlagens geben würden. Nur wenn wir uns fähig und bereit zeigten, sofort mit der bulgarischen Armee wirksam zu kooperieren, konnten wir hoffen, den unerträglich werdenden Schwebezustand zu unsern Gunsten zu beendigen.

Die immer dringender werdenden Hilferufe von den Dardanellen erinnerten fast täglich an das, was auf dem Spiele stand.

Nach der Landung der Ententetruppen auf Gallipoli war eine Aktion gegen den Negotiner Kreis erneut in Erwägung gezogen worden. Angesichts des guten Verlaufs der Offensive in Westgalizien war die Oberste Heeresleitung mehr als bisher geneigt, die Aktion in Angriff zu nehmen. Die Kriegserklärung Italiens an Österreich machte den Plan abermals zunichte; denn jetzt mußte jeder anderswo entbehrliche Mann zur Abwehr des italienischen Angriffs herangezogen werden. Auch diese Aussicht auf eine Lösung mußte also vertagt werden.