Ich halte es für einen der schwersten und verhängnisvollsten Fehler, die von unserer Seite während des Krieges gemacht worden sind, daß wir, ehe wir auf dem Balkan ganze Arbeit getan hatten, uns mit unserer Hauptmacht wieder dem westlichen Kriegsschauplatz zuwendeten, um dort den Versuch zu machen, mit Verdun den wichtigsten Schulterpunkt des feindlichen Stellungssystems zu brechen.
Über die Gründe für diesen Entschluß und über die Art und Weise, wie er zustandegekommen ist, habe ich niemals volle Klarheit bekommen können. Die Vorbereitungen der Aktion gegen Verdun wurden mit solcher Heimlichkeit betrieben, daß es im Februar, kurz vor Beginn unserer Operationen, zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen dem General von Falkenhayn und dem Reichskanzler von Bethmann Hollweg gekommen ist, weil letzterer außer dem Staatssekretär des Auswärtigen Amts auch mich in den Plan eingeweiht hatte.
Ich selbst hatte am Neujahrstag 1916 Gelegenheit zu einer längeren Unterhaltung mit dem General von Falkenhayn in seinem Amtszimmer im Berliner Kriegsministerium. Von Verdun und einer größeren Offensive in Frankreich erwähnte er nichts; Hauptgegenstand unserer Unterhaltung war vielmehr die Aufnahme des uneingeschränkten U-Bootkrieges, von der Falkenhayn, gestützt auf das Urteil des Admiralstabs, ein baldiges Ende des Krieges erwartete, während ich Zweifel gegen die Berechnung des Admiralstabs geltend machte. Meinerseits wies ich darauf hin, daß die Balkansituation einer weiteren Klärung bedürfe. Insbesondere müßten wir uns vergewissern, wie wir mit Rumänien daran seien. „Nur wenn Sie der Donna Rumania den Arm fest um die Taille legen, wird sie sich entschließen, mit uns zu tanzen.“ Falkenhayn antwortete: „Sie gehören wohl auch zu den Leuten, die meinen, ich müßte nach Kiew marschieren?“ Ich antwortete, daß Kiew mir Hekuba sei, daß es mir vielmehr einzig und allein auf Rumänien ankomme, das wir nicht als ganz unsicheren Kantonisten im Rücken behalten dürften.
Am 23. Februar 1916 begannen, infolge des für die Artillerievorbereitung unmöglichen Wetters einige Tage später, als ursprünglich geplant, unsere Operationen gegen Verdun. Bereits zwei Tage später nahmen unsere Truppen das hochgelegene Fort Douaumont, den wichtigen Nordpfeiler der Außenbefestigungen von Verdun. Wir schienen den Erfolg in den Händen zu haben. Bei den Franzosen herrschte die schwerste Besorgnis; die Befehle zur Räumung der Stadt und des rechten Maasufers sollen damals gegeben, aber gleich darauf widerrufen worden sein. Während wir mit unserer schweren Artillerie nur langsam vorwärts kamen, verstärkte sich der französische Widerstand. Monatelang wogte der Kampf auf den Höhen und in den Schluchten rechts und links der Maas hin und her, ohne eine Entscheidung zu bringen. Die Verluste auf beiden Seiten waren gewaltig. Unsere Heeresleitung suchte sich und andere damit zu trösten, daß die französischen Verluste noch erheblich größer seien als die unsrigen, ja daß dieses „Ausbluten der Franzosen im Sack von Verdun“ wichtiger sei als der Besitz der Festung selbst. Niemandem war bei diesem Troste wohl.
Gegen die Mitte des Jahres lief sich die Verdun-Offensive tot. Andere Kampfhandlungen von riesenhaftem Ausmaß, für die unsere Gegner die Initiative ergriffen, übertönten den verhallenden Kanonendonner an der Maas.
Mitte Mai hatten die Österreicher nach großen Vorbereitungen in Südtirol gegen die Italiener, die in den zwölf Monaten seit ihrer Kriegserklärung so gut wie nichts erreicht hatten, eine Offensive begonnen. Der Angriff entwickelte sich gut. Ende Mai waren die wichtigen befestigten Plätze Asiago und Arsiero in den Händen der Österreicher. Der Austritt in die Po-Ebene schien gesichert.
Da führte das russische Heer vom 5. Juni an auf der ganzen Front zwischen dem Pruth und dem Styrknie wuchtige Stöße gegen die nicht sehr starken österreichischen Linien. Sie schlugen eine weite und tiefe Bresche. Die wolhynischen Festungen fielen. Czernowitz und die Bukowina wurden wieder preisgegeben. Hunderttausende von Gefangenen und ungezähltes Material geriet in die Hand der Russen, die über die Leichtigkeit, mit der sie diesen großen Erfolg errangen, vielleicht selbst am meisten erstaunt waren.
Die Österreicher waren gezwungen, die wankende Front mit allen Mitteln zu stützen. Die so vielversprechende Offensive gegen Italien wurde aufgegeben, um Truppen für den bedrohten Osten freizubekommen. Die Italiener konnten zu Gegenangriffen übergehen. Gegen Ende Juni mußten die Österreicher ihre Südtiroler Front zurücknehmen; am Isonzo mußten sie vor den erneut einsetzenden Offensivstößen der Italiener sich auf die Höhen östlich des Flusses zurückziehen und Görz preisgeben. Auch vom nördlichen Teil der russischen Front, den Hindenburg kommandierte, wurden Verstärkungen auf Verstärkungen nach dem Süden abgegeben, obwohl auch im Norden russische Angriffe begannen. Ja es wurden einige türkische Divisionen an der galizischen Front eingesetzt.
Die schweren Kämpfe an der Ostfront waren noch in vollem Gange, als die Ententeheere am 1. Juli im Westen zu einem alle bisherigen Offensivstöße weit übertreffenden Angriff ansetzten. „In einer Breite von 40 Kilometern,“ so berichtete unser Großes Hauptquartier am 2. Juli, „begann gestern der seit vielen Monaten mit unbeschränkten Mitteln vorbereitete englisch-französische Massenangriff nach siebentägiger stärkster Artillerie- und Gasvorbereitung auf beiden Ufern der Somme sowie des Ancrebaches.“ Von diesem Tage an waren unsere Truppen fünf volle Monate hindurch den wütenden Anstürmen der Engländer und Franzosen ohne Unterbrechung ausgesetzt. Der Feind hatte die starke Überlegenheit in der Zahl der Kämpfenden. Er hatte eine noch weit größere Überlegenheit im Material aller Art; denn die Industrie nahezu der ganzen Welt arbeitete für ihn. Es ist eine kaum faßliche Leistung unserer Feldgrauen, daß sie, unaufhörlich überschüttet vom dichtesten Eisenhagel, in kaum aussetzenden Nahkämpfen mit der in unerschöpflichen Wellen anstürmenden weißen und farbigen Übermacht die eiserne Kette hielten und nur Schritt für Schritt dem ungeheuren Druck Raum gaben. Es ging fast über menschliche Kraft, aber es wurde durchgehalten.
In der Zeit der schärfsten Zuspitzung der militärischen Lage, als zu dem russischen Vorstoß die französisch-englischen Angriffe hinzukamen, weilte ich bei dem Feldmarschall von Hindenburg in Kowno. Ich hatte Gelegenheit, mit Hindenburg und seinen Offizieren die politische und militärische Lage eingehend zu besprechen. Der Eindruck, den ich gewann, war erschütternd. Hindenburg sagte mir am Abend des 3. Juli: „Wir haben hier oben im Norden überhaupt nur noch eine durchsichtige Kattunschürze. Ich habe, um das Loch bei den Österreichern zuzustopfen, alles weggegeben, was ich entbehren kann, und mehr als das. Es blieb mir nichts anderes übrig. Aber was ich weggegeben habe, sehe ich nicht wieder. Nun greift der Russe hier oben bei uns an, ich weiß nicht, was werden soll.“ Seine Mitarbeiter wurden deutlicher. Die verhängnisvollen Nachteile des Mangels eines einheitlichen Oberbefehls über die Ostfront mußte auch dem Laien einleuchten. Meine Zweifel an der Richtigkeit der im Osten befolgten Strategie, die ich seit den Monaten Mai und Juni mit mir herumtrug, fand ich bestärkt. Wir standen vom Rigaer Busen bis zur rumänischen Grenze in einer weit auseinandergezogenen, wohl mehr als zwölfhundert Kilometer langen Front, die in ihren überwiegenden Teilen eines jeden natürlichen Schutzes entbehrte und gegen energische Offensivstöße einer an einem beliebigen Punkt zusammengeballten Macht kaum zu halten war. Im Westen hatten wir unsere beste Kraft in der Verdun-Offensive eingesetzt; nicht nur war es uns nicht gelungen, die große Schulterfestung zu bezwingen, auch der angebliche Erfolg des Ausblutens der Franzosen wurde durch die jetzt beginnende Somme-Offensive als Täuschung erwiesen. Dazu im Hintergrund die rumänische Gefahr, die durch den Zusammenbruch des Rumänien zunächst gelegenen österreichischen Frontteiles nahezu automatisch ausgelöst werden mußte.