Die Sowjetregierung hatte allen Grund, ihre Lage für gefährdet zu halten; denn ihre eigenen Machtmittel in Moskau waren in jenen Tagen schwach und die Bevölkerung war gleichgültig oder schwankend. Um den äußeren Feind abzuwehren, hatte die Regierung die Lettenregimenter fast restlos zu den Fronten schicken müssen; auch meine Lettenwache, deren Belassung mir ausdrücklich zugesagt worden war, wurde vorübergehend abgezogen und durch ziemlich übel aussehende Rotgardisten ersetzt. Die Bevölkerung litt auf das schwerste unter dem Mangel an Lebensmitteln. Es herrschte in Moskau die nackte Hungersnot. Was an Nahrungsmitteln überhaupt hereinkam, wurde großenteils von der Roten Garde für sich in Anspruch genommen. Brot gab es überhaupt nicht mehr. Das Brot für das Personal der deutschen Vertretung mußten wir uns durch den Kurier aus Kowno bringen lassen.

Die stärkste Stütze der Bolschewikiregierung in jener kritischen Zeit war, wenn auch unbewußt und unbeabsichtigt — die deutsche Regierung. Schon die Tatsache, daß die deutsche Regierung mit den Bolschewisten den Frieden abgeschlossen und die diplomatischen Beziehungen aufgenommen hatte, war in den nichtbolschewistischen Kreisen Rußlands als eine moralische Unterstützung des bolschewistischen Regiments aufgefaßt worden. Das offenkundige Bestreben der Berliner Politik, in Großrußland mit den Bolschewisten loyal zusammenzuarbeiten, die Leichtigkeit, mit der die Herren, die in Berlin mit Herrn Joffe verhandelten, sich mit der Schädigung und Vernichtung deutschen Eigentums und deutscher Betriebe durch die kommunistischen Maßnahmen der Bolschewisten abfanden, die Leichtfertigkeit, mit der gewisse deutsche Publizisten den Gedanken propagierten, Deutschland müsse durch Förderung des Bolschewismus das Russische Reich endgültig zertrümmern und ohnmächtig machen, das alles erzeugte und verstärkte in Rußland den an sich unzutreffenden Eindruck, daß Deutschland entschlossen sei, das bolschewistische Regime in Großrußland zum Zwecke der endgültigen Zerstörung der russischen Kraft aufrechtzuerhalten. Man hielt in den russischen Kreisen diese Politik im eigensten Interesse Deutschlands für verkehrt; denn man sah als ihre Folge an, daß der Bolschewismus schließlich gegen uns selbst schlagen werde — eine Warnung, die ich während meines kurzen Aufenthalts in Moskau wiederholt und eindringlich von russischer Seite gehört habe —; aber man rechnete mit unserer Unterstützung des bolschewistischen Regimes als mit einer Tatsache, die schwer auf jeden Gedanken einer eigenen Erhebung drückte.

Die Ermordung des Grafen Mirbach und die daraufhin von dem deutschen Geschäftsträger unternommenen Schritte erweckten die Hoffnung auf ein Umschwenken der deutschen Politik. Die antibolschewistischen, und zwar nicht nur die reaktionären Elemente suchten Anlehnung und Ermutigung bei uns. Herr Miljukow, der früher zu den schärfsten Gegnern Deutschlands gehört und noch als Minister des Auswärtigen in der revolutionären Regierung des Fürsten Lwoff in der entschiedensten Weise Stellung gegen jede Verständigung mit Deutschland genommen hatte, sprach sich jetzt öffentlich für ein Zusammengehen mit Deutschland aus.

Die Enttäuschung war groß, als die Berliner Regierung die Forderung auf Zulassung eines kriegsstarken deutschen Bataillons fallen ließ und sich mit dem laxen Vorgehen gegen die Mörder des Grafen Mirbach zufriedengab. Sie wurde noch größer, als in Rußland Einzelheiten über die Berliner Verhandlungen zwischen dem Auswärtigen Amt und Herrn Joffe bekannt wurden. In der geplanten Abtrennung Estlands und Livlands vom russischen Reichskörper sah man eine Bestätigung dafür, daß Deutschland zur Ausführung seines Vernichtungswillens gegen Rußland sich mit den Bolschewisten verbündet habe. Die gleiche Bestätigung sah man in den wirtschaftlichen und finanziellen Vereinbarungen, die der Bolschewikiregierung, auch soweit deutsches Eigentum und deutsche Rechte in Betracht kamen, gegen eine Pauschalvergütung freie Hand für die Durchführung ihrer ruinösen Enteignungs- und Sozialisierungsideen gaben. Dieser Anschein mußte um so mehr erweckt werden, als seit meiner Abreise von Berlin Herr Joffe durchgesetzt hatte, daß die uns zu gewährende Pauschalsumme auch die Entschädigung für diejenigen Enteignungen enthalten sollte, die durch ein nach Beginn der Verhandlungen rasch noch erlassenes Gesetz vom 28. Juni 1918 zwar generell angeordnet, aber im einzelnen noch nicht durchgeführt waren. Das Zugeständnis, das der Sowjetregierung gestattete, mit der Enteignung deutschen Besitzes à discretion zu schalten, war gegen meine ausdrückliche, schon in Berlin ausgesprochene und von Moskau aus telegraphisch wiederholte Warnung vor einer solchen Pauschalierung pro futuro gemacht worden. Es wurde in Rußland geradezu als eine Ermunterung der Enteignungs- und Sozialisierungspolitik der Bolschewisten aufgefaßt.

Darüber habe ich in Moskau nur eine Stimme gehört, daß der Abschluß der Zusatzverträge auf der in Berlin in Aussicht genommenen Grundlage uns das ganze nichtbolschewistische Rußland für absehbare Zeit zum bittersten Feinde machen müsse.

Hatten wir mit dem nichtbolschewistischen Rußland ernsthaft zu rechnen, oder konnten wir es für unsere Politik als quantité négligeable behandeln?

Die Bolschewikiherrschaft stand gerade damals sichtbarlich auf zu schwachen Füßen, als daß die Möglichkeit eines Umschwungs, auch eines nahen Umschwungs, als nicht vorhanden betrachtet werden durfte. Auch heute noch, nachdem gegen alles Erwarten und auch gegen meine damals gewonnene Ansicht die Lenin und Trotzki — nicht zuletzt dank der von den maßgebenden Personen in Berlin verfolgten Politik! — sich an der Herrschaft gehalten haben, kann ich eine Politik nicht für richtig halten, die Rußland und den Bolschewismus identifizierte und das im Augenblick unterdrückte nicht bolschewistische Rußland glaubte ignorieren zu können. Kam aber der Umschwung, ohne daß wir vorher das Tischtuch zwischen uns und den Bolschewiki zerschnitten hatten, dann kam er gegen uns, und zwar unter unmittelbarer Führung der Entente, die offensichtlich auf eine solche Entwicklung hinarbeitete, um uns vor eine neue Ostfront zu stellen.

Die Meinung von der schwer gefährdeten Stellung der Bolschewikiherrschaft erfuhr für mich eine Bestätigung in dem Ersuchen Tschitscherins um unsere bewaffnete Hilfe. Nur wenn die Sowjetregierung selbst zu der Ansicht gekommen war, daß sie ohne unsere Hilfe verloren sei, konnte sie sich zu einem solchen Schritt entschlossen haben.

Sollten wir ihr diese Hilfe leihen, nicht nur gegen die Entente im Norden, sondern auch gegen die Kosaken im Südosten, und uns damit auf Gedeih und Verderb mit den Bolschewiki verbinden? Oder sollten wir sie fallen lassen und den Anschluß, der von dem nichtbolschewistischen Rußland bei uns gesucht wurde, gewähren?