Auf der anderen Seite stand die militärische Gestaltung mit dieser politischen Auffassung des Krieges keineswegs im Einklang. Seit der Hilfe, die österreichisch-ungarische Truppen uns im Herbst 1914 für den Schutz von Schlesien geleistet hatten, war stets die deutsche Armee der gebende und helfende Teil. Nicht österreichisch-ungarische Truppen verteidigten die deutschen Grenzen, sondern deutsche Truppen wehrten wiederholt das Äußerste von Österreich-Ungarn ab. Nur mit deutscher Unterstützung wurden im Winter 1914/15 die Russen vom Einbruch über die Karpathen in die ungarische Tiefebene abgehalten. Nur der Einsatz einer großen deutschen Armee gewann im Frühjahr 1915 die Schlacht bei Gorlice und befreite Galizien. Nur die Hilfe deutscher Truppen warf im Herbst 1915 die Serben nieder und machte damit Österreich-Ungarn nach Südosten hin Luft. Nur deutsche Divisionen brachen im Sommer 1916 die Brussilow-Offensive und bewahrten so wenigstens Mittel- und Westgalizien vor erneuter Eroberung. Und schließlich hielt nur die aus den schwersten Kämpfen im Westen herübergeholte deutsche Armee im September 1916 den Vormarsch der Rumänen in Siebenbürgen auf, um dann das Land unseres Bundesgenossen abermals zu befreien und den neuen Feind auf seinem eigenen Boden niederzuwerfen.

Mochte es also auch politisch eine gewisse Berechtigung haben, von einem Verteidigungskrieg Österreich-Ungarns für Deutschland zu sprechen, militärisch blieb Deutschland der Verteidiger Österreich-Ungarns.

Die Hilfsbedürftigkeit der Donaumonarchie blieb nicht auf das militärische Gebiet beschränkt. Von Anfang an und dauernd sah sich Österreich-Ungarn auf die finanzielle Unterstützung Deutschlands angewiesen. Zwar brachten die österreichischen und ungarischen Kriegsanleihen recht gute Ergebnisse; aber für die Zahlungen an Deutschland und das neutrale Ausland bedurfte Österreich-Ungarn fortgesetzt erheblicher „Valutakredite“. Ebenso nahm auf dem Gebiet der Volksernährung die österreichische Reichshälfte wiederholt unsere Unterstützung in Anspruch, so knapp es auch mit uns selbst bestellt war.

Wir haben getan, was wir konnten, um unserem Bundesgenossen in seinen Bedrängnissen zu helfen. Aber wir vermochten bei der bundesfreundlichsten Gesinnung und beim besten Willen nicht alle seine Wünsche zu erfüllen, und wir mußten im eigenen Interesse an unsere Hilfe Bedingungen knüpfen, die nicht immer als angenehm empfunden wurden. So mußten wir die Gewährung der Valutakredite davon abhängig machen, daß Österreich-Ungarn für seinen Zahlungsverkehr mit dem Auslande eine ähnlich strenge „Devisenordnung“ erließ, wie wir sie erlassen hatten; ferner davon, daß Österreich-Ungarn sich bei seinen Einkäufen im Ausland dieselben Beschränkungen auferlegte wie wir; denn andernfalls wäre der von uns erstrebte Zweck, den Rückgang des Kurses der Reichsmark auf den neutralen Plätzen aufzuhalten, durch die österreichisch-ungarischen Verfügungen über die von uns gewährten Markkredite geradezu vereitelt worden. Und wenn in kritischen Augenblicken von den Österreichern unsere knappen Bestände an Brotgetreide und Mehl in Anspruch genommen wurden, so mußten wir darauf bestehen, daß in Österreich eine ähnlich straffe Organisation der Volksernährung durchgeführt wurde wie bei uns; denn wir konnten es vor dem eigenen Volke nicht verantworten, seine kargen Rationen noch weiter zu kürzen, um die Österreicher vor den Folgen ihres Wirtschaftens aus dem Vollen zu bewahren. Aber alles das ging natürlich nicht immer ohne Reibung und Verstimmung.

Die polnische Frage

Kompliziert wurde das Verhältnis vor allem durch die polnische Frage.

An der Gestaltung der polnischen Dinge nahm Österreich-Ungarn ein ganz besonders lebhaftes Interesse. Im österreichischen Staatsleben spielten die Polen infolge des unüberbrückbaren Gegensatzes zwischen Deutschen und Tschechen eine hervorragende Rolle: die Unterstützung des Polenklubs war für jede verfassungsmäßige Führung der Staatsgeschäfte eine Notwendigkeit. Darüber hinaus hatte man in Wien die klare Erkenntnis, daß Erhaltung oder Verlust Galiziens von der Lösung der Frage abhänge, was aus Russisch-Polen werden solle. Die Wiener Politik zog daraus die Folgerung, daß sie sich für die Ordnung der polnischen Verhältnisse die Vorhand sichern müsse; es schwebte ihr dabei wohl von Anfang an eine Vereinigung Russisch-Polens mit Galizien und die Angliederung dieses neuen Gebildes in einer mehr oder weniger losen Form an Österreich-Ungarn vor. Als Baron Burian den Reichskanzler Mitte April 1916 in Berlin besuchte, äußerte er halb im Scherz, halb im Ernst, er werde erst nach Wien zurückreisen, wenn er Polen in seinem Handkoffer mitnehmen könne. Sein Handkoffer war für Polen doch etwas zu klein, und er hat es nicht mitgenommen. Die polnische Frage blieb zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn ungeklärt. Die Wiener Regierung benutzte diesen Zustand, um in Polen selbst für ihr Ziel eine rege Propaganda zu entfalten, und zwar nicht nur in dem von österreichisch-ungarischen Truppen besetzten südlichen Teil, dem Bezirk von Lublin, sondern auch in dem von unseren Truppen besetzten Generalgouvernement Warschau.

Die sich aus diesem Zustand ergebenden Verhältnisse wurden allmählich unhaltbar.

Nach der schweren Niederlage der Österreicher in Wolhynien und Galizien im Juni 1916 schien Herrn von Bethmann die Gelegenheit gekommen, eine Klärung herbeizuführen. Der Kanzler reiste mit Herrn von Jagow am 10. August 1916 nach Wien, um dort mit Baron Burian auf einer Grundlage ins Reine zu kommen, die vor allem die von Österreich beanspruchte Präponderanz in den polnischen Angelegenheiten beseitigen und uns Bewegungsfreiheit geben sollte. Die beiden Herren kamen zurück mit einer Vereinbarung, die ein autonomes Königreich Polen mit Anlehnung an die beiden Zentralmächte ins Auge faßte. In den militärischen Dingen sollte Deutschland den ausschlaggebenden Einfluß haben; über die Regelung der wirtschaftlichen Beziehungen Polens zu den beiden Zentralmächten sollte zunächst noch zwischen mir und der Wiener Regierung verhandelt werden.