Die Türkei, die an den Kaukasien berührenden Punkten der Zusatzverträge ein großes Interesse hatte, nahm die Angelegenheit so ernst und wichtig, daß der Großwesir Talaat Pascha seinen Besuch in Berlin ankündigte, um die Dinge vor der Ratifikation der Verträge persönlich zu besprechen. Als er am Morgen des 7. September in Berlin eintraf, las er in den Zeitungen, daß die Ratifikationsurkunden der Zusatzverträge am Abend vorher ausgetauscht worden waren. Er wollte sofort, ohne den Kanzler und den Staatssekretär des Auswärtigen überhaupt zu besuchen, nach Konstantinopel zurückreisen und konnte nur mit großer Mühe bewogen werden, von diesem einen offenen Bruch markierenden Schritt Abstand zu nehmen. Aber eine schwere Verstimmung blieb.
Auch der österreichisch-ungarische Botschafter hatte noch unmittelbar vor dem Austausch der Ratifikation gegen die Zusatzverträge beim Auswärtigen Amt remonstriert. Daß man darüber glaubte hinweggehen zu können, ist um so unbegreiflicher, als schon bei den Besprechungen, die Mitte August gelegentlich des Besuchs des Kaisers Karl und des Grafen Burian im Großen Hauptquartier stattgefunden hatten, es nur mit Mühe gelungen war, Österreich-Ungarn noch einmal bei der Stange zu halten und ihm einen gesonderten Friedensschritt auszureden; als ferner unsere abermalige Ablehnung der polnischen Wünsche des österreichischen Kaisers eine sichtliche Verstimmung hervorgerufen hatte.
Noch bedenklicher standen unsere Beziehungen zu Bulgarien. Die Verärgerung über die Vorenthaltung der nördlichen Dobrudscha wirkte fort und richtete sich — ebenso wie die Verstimmung über die Ansprüche der Türken auf das Maritzagebiet, die wir nicht rechtzeitig eingedämmt hatten — in der Hauptsache gegen uns. Die bedenkliche Zuspitzung der Ernährungsverhältnisse verstärkte die Kriegsmüdigkeit. Die Armee wurde unter der Duldung des unzuverlässigen Kabinetts Malinoff parteipolitischer Zersetzung preisgegeben, während sich der Druck der durch die griechischen Truppen verstärkten Ententestreitkräfte an der Saloniker Front immer mehr steigerte. Die bulgarischen Hilferufe um Brot und Truppen glaubte man bei uns nicht erfüllen zu können. Als am 12. September der Vizekanzler von Payer in einer öffentlichen Rede die Wiederherstellung des territorialen Standes vom 1. August 1914 nicht nur für uns, sondern ausdrücklich auch für alle unsere Bundesgenossen als Kriegsziel erklärte, bemächtigte sich das bulgarische Mißtrauen auch dieser Äußerung, in der es ein Abrücken Deutschlands von den Bulgarien vor seinem Eintritt in den Krieg gemachten Zusicherungen territorialer Art (Bulgarisch-Mazedonien und Morawatal) erblicken wollte.
Die Entscheidungskämpfe im Westen
Wir hielten und hätschelten unsern Todfeind, den Bolschewismus, und verprellten in jeder Weise unsere eigenen ohnedies kriegsmüden und schwankenden Bundesgenossen zu einer Zeit, in der auf dem Hauptkriegsschauplatz des Westens die Aussicht auf den Sieg endgültig verlorenging, die Übermacht der Feinde immer schwerer auf uns drückte und die Widerstandskraft von Heer und Volk bedrohliche Zeichen des Verfalls verriet.
Ich hatte in Spa am 15. August eine Unterhaltung mit dem Feldmarschall von Hindenburg und im Anschluß daran eine lange Aussprache mit dem General Ludendorff. Die unmittelbare Gefahr der Katastrophe, die aus der schweren Niederlage des 8. August zu erwachsen drohte, war fürs nächste abgewehrt. Der beginnenden Desorganisation unserer Verbände war Einhalt geboten, unsere Truppen standen wieder, und die Oberste Heeresleitung hatte die Zügel wieder in die Hand bekommen. Aber die Generale rechneten mit neuen schweren Anstürmen der Feinde und vermochten diesen nicht die alte Zuversicht gegenüberzustellen. Weitere Rückwärtsbewegungen waren notwendig, um eine einigermaßen gesicherte Verteidigungsfront wiederherzustellen, Rückwärtsbewegungen unter dem unmittelbaren Druck des Feindes. Und wenn diese Bewegungen ohne allzu großen Verlust an Menschen und Material gelangen, so war damit nach den Erfahrungen des 8. August noch keineswegs eine Garantie gegen die Wiederholung eines solchen überraschenden Einbruchs geschaffen. Ludendorff machte mir die bezeichnende Bemerkung: „Es war am 8. August, wie wenn alles sich gegen uns verschworen hätte. Wir haben alles getan, was wir können, damit so etwas sich so leicht nicht wiederholen kann. Aber — was einmal möglich war, wer sagt mir, daß das nicht auch ein zweites Mal passieren kann!“
An den beiden vorhergehenden Tagen hatten eingehende Besprechungen zwischen den beiden Generalen, dem Reichskanzler und Herrn von Hintze stattgefunden, am 14. August unter Vorsitz des Kaisers. Ich war, obwohl in diesen Konferenzen die gesamte militärische und politische Lage einschließlich der Ostfragen erörtert werden sollte, ebensowenig zugezogen worden, wie der gleichfalls in Spa anwesende Staatssekretär des Reichswirtschaftsamts Freiherr von Stein. Ich bin damals auch weder von dem Grafen Hertling oder Herrn von Hintze, noch von den beiden Generalen über den Verlauf der Besprechungen unterrichtet worden. Nach den inzwischen erfolgten amtlichen Veröffentlichungen haben in jenen Besprechungen die beiden Generale dargelegt, daß es nicht mehr möglich erscheine, den Krieg militärisch zu gewinnen, und daß daher eine Verständigung mit den Feinden herbeigeführt werden müsse. Der Kaiser hat damals entschieden: „es müsse auf einen geeigneten Zeitpunkt geachtet werden, wo wir uns mit dem Feinde zu verständigen hätten“. (Weißbuch über die Vorgeschichte des Waffenstillstands.)
Ohne Kenntnis von diesen Eröffnungen unserer Heerführer zu haben, hielt ich mich für verpflichtet, unmittelbar nach meiner Unterhaltung mit General Ludendorff zum Reichskanzler zu fahren und ihm über diese Unterhaltung zu berichten, mit dem eindringlichen Hinzufügen, daß ich nach meiner Kenntnis der Art Ludendorffs, sich über solche Dinge zu äußern, den Eindruck gewonnen habe, daß die militärische Lage außerordentlich ernst sei. Mein Eindruck war, daß Graf Hertling meine Auffassung für übertrieben hielt.
Die von der Obersten Heeresleitung erwarteten neuen Angriffe setzten am 16. August beiderseits Roye ein. Der Feind vermochte hier in mehrtägigen erbitterten Kämpfen keine nennenswerten Vorteile zu erzielen.
Den Erfolg, der ihm bei diesem Frontalangriff versagt blieb, erkämpfte er sich jedoch am 20. August in den zwischen der Oise und Aisne und tags darauf in der Gegend Bapaume—Arras einsetzenden Flügelangriffen. An beiden Stellen wurden wir in schweren Kämpfen zurückgedrückt. Der flache Frontbogen Bapaume—Chaulnes—Roye—Noyon kam dadurch in Gefahr. Unsere Heeresleitung entschloß sich, um dieser Gefahr vorzubeugen, diesen Frontteil zurückzunehmen. In den letzten Augusttagen wurden deshalb die viel umkämpften Städte Roye, Noyon, Bapaume und Péronne dem nachdrängenden Feinde überlassen. Gleichzeitig wurde der in der Apriloffensive gewonnene, auf Hazebrouck vorspringende Keil zwischen Ypern und La Bassée, mit ihm auch der Kemmelberg, aufgegeben.