Am 4. und 5. Juli wurden die von den Herren Ebert und Erzberger eingeleiteten Vorstöße mit gesteigerter Heftigkeit von den sozialdemokratischen Abgeordneten David, Noske und Hoch fortgesetzt, während die Sprecher der bürgerlichen Parteien sich eine anerkennenswerte Zurückhaltung auferlegten.

Ich versuchte den Ansturm abzuwehren und den Mitgliedern des Ausschusses zum Bewußtsein zu bringen, daß nur Ruhe, Besonnenheit und Entschlossenheit uns zu einem erträglichen Frieden helfen könnten, daß dagegen ein Nervenzusammenbruch uns rettungslos dem Untergang ausliefern müsse.

Schon am ersten Tage der Ausschußberatung führte ich gegenüber den Abgeordneten Ebert und Erzberger aus:

„Wir sind nicht am Ende unserer Kraft. Wir sind es nicht, weil wir es nicht sein dürfen. Es steht für uns alles auf dem Spiel. Daß wir heute keinen Frieden haben können, keinen Hindenburg-Frieden und keinen Scheidemann-Frieden, das wissen wir alle. Wenn wir heute Frieden machen wollen, dann gibt es einen Kapitulationsfrieden, einen Unterwerfungsfrieden, der uns für ein Jahrhundert zu Sklaven unserer Feinde macht. Und weil das eine Unmöglichkeit ist, weil eine Nation eher zugrundegehen als ein solches Schicksal auf sich nehmen kann, darum fehlt uns die Kraft nicht, wenn es gilt, auch noch einen vierten Winter durchzuhalten...“

Dem Abgeordneten Noske, der auf die schleunige Durchführung der inneren Reformen drängte und dabei mich als die Seele des Widerstands scharf angriff, entgegnete ich:

„Ich stehe auf dem Boden dessen, was der Kanzler bei den verschiedensten Gelegenheiten wiederholt und eindringlich gesagt hat, und auf dem Boden der Osterbotschaft des Kaisers und Königs. Der Kaiser hat die Osterbotschaft mit den Worten geschlossen, er handele nach den Überlieferungen großer Vorfahren, wenn er einem treuen, tapferen, tüchtigen und hochentwickelten Volke das Vertrauen entgegenbringe, das es verdient. Meine Herren, erwidern Sie Vertrauen mit Vertrauen! Suchen Sie dazu beizutragen, daß dieses Vertrauen nicht erschüttert wird! Treten Sie den Zweiflern entgegen! Auf diesem Wege kommen wir zusammen und wird es uns gelingen, durch die schweren Zeiten, in denen wir leben, hindurchzukommen und unser Vaterland über die schweren Gefahren hinüberzuretten.“

Am Tage darauf hatte ich einen Vorstoß des sozialdemokratischen Abgeordneten Hoch zu parieren, der noch schärfer als die Herren Ebert und Noske ein weiteres Durchhalten für unmöglich erklärte und deutlich mit der Revolution drohte. In meiner Antwort sagte ich:

„Die jetzige Generation trägt in diesen Monaten und in den Monaten, die kommen werden, die Zukunft des deutschen Volkes für Jahrhunderte in ihrer Hand, und die jetzige deutsche Generation muß sich dieser Stunde gewachsen zeigen; sonst gehen wir unter... Unser Kaiser ist auch in diesem Krieg der Friedenskaiser geblieben, der den Frieden erstrebt, wie nur irgendeiner im deutschen Volk. Aber unser Kaiser wird nur einen Frieden machen, der das deutsche Volk erhält und seine Zukunft sichert, keinen Frieden, der unseren Untergang bedeutet. Weil die große Mehrheit des deutschen Volkes von den Worten, die ich gesprochen habe, ebenso durchdrungen ist wie ich selbst, schreckt es mich auch nicht, wenn der Abgeordnete Hoch mehrfach die Revolution an die Wand gemalt hat. Dieses Spielen mit der Revolution kann mich und die verantwortlichen Leute im Reich in ihrer Pflichterfüllung auch nicht einen Augenblick irremachen. Wir werden den schweren Weg gehen, den wir gehen müssen, mit der Aufopferung unserer Persönlichkeit bis zum Letzten, und alles, was Sie sagen, wird uns nur darin bestärken, unsere Pflicht zu tun.“

Es schien, als ob die Bemühungen, die aufgeregten Gemüter zu beruhigen, Erfolg haben sollten. Da erhob sich in der Ausschußsitzung vom 6. Juli der Abgeordnete Erzberger zu einem neuen Vorstoß. Er begann mit der Behauptung, kein einziges Ausschußmitglied habe sich der Wucht der Ausführungen des Abgeordneten Hoch entziehen können oder vermöge die Richtigkeit seiner Ausführungen zu bestreiten. Unsere Lage schilderte er als so gut wie aussichtslos. Die Fronten würden mit Mühe und Not gehalten, aber auch das werde immer schwerer. Die Hoffnung auf den U-Bootkrieg sei erledigt. Unsere Verbündeten würden wohl nicht mehr lange mitmachen können. Auch er wolle keinen Unterwerfungsfrieden. Aber die entscheidende Frage sei für ihn, ob wir übers Jahr einen besseren Frieden bekommen könnten als jetzt, und diese Frage müsse er verneinen. Unter diesen Umständen bleibe nur die Rückkehr auf den Ausgangspunkt des Krieges, die Proklamierung des reinen Verteidigungskrieges und die Abweisung eines jeden Eroberungszieles. Die große Mehrheit des Reichstags müsse sich in einer Kundgebung auf den Boden des 4. August 1914 stellen.