Ich weiß mich frei von persönlicher Empfindlichkeit und stehe nicht an zu bekennen, daß in den mehr als drei Kriegsjahren das alte „konstitutionelle Regime“ versagt hatte. Mehr als jemals in Friedenszeiten war die Regierung in diesem Kriege, der vom deutschen Volke das Höchste und Letzte verlangte, auf die gutwillige und verständnisvolle Unterstützung durch die Volksvertretung angewiesen. In den ersten Kriegsjahren wurde ihr diese Unterstützung in dem Schwunge vaterländischer Begeisterung und in der Erkenntnis der Hochgefahr für Reich und Volk ohne Mäkeln und Markten gewährt. Aber allmählich wurde in der Empfindung des Volkes und seiner Vertretung das Außerordentliche zum Alltäglichen. Der erste Grundsatz des Burgfriedens, daß während des Krieges von keiner Seite eine Veränderung des innerpolitischen Status quo verlangt, geschweige denn erzwungen werden sollte, wurde preisgegeben, und damit wurde neben dem Krieg nach außen der Kampf im Innern entfesselt. Ein Kampf unter ungleichen Bedingungen. Denn in ihm waren diejenigen Volksteile und Parteien die stärkeren, die sich nicht scheuten, für die Durchsetzung ihrer Forderungen die Not- und Zwangslage auszunutzen, die der Krieg über das Reich verhängte. Die Sozialdemokratie war es, die — treibend und getrieben — hier voranging. Ihre Führer haben schon frühzeitig in dringlicher Form innerpolitische Forderungen präsentiert, sicherlich zum Teil in der guten und ehrlichen Absicht, die unter dem Druck des Krieges immer schwerer leidenden Massen gegenüber der gefährlichen Agitation der Unabhängigen Sozialdemokraten nicht nur bei der Partei, sondern auch bei der Sache des Vaterlandes festzuhalten. Die Fortschrittliche Volkspartei, das Zentrum und die Nationalliberalen folgten mehr oder minder zögernd, teils in der Überzeugung, daß nur eine Erweiterung der Volksrechte unser Volk moralisch zum Durchhalten befähigen könne, teils aber auch aus Parteikonkurrenz, vor allem aber aus dem Gesichtspunkt heraus, daß der Krieg verloren sei, wenn die Sozialdemokratie mit ihrer Gefolgschaft abschwenke und etwa die Kriegskredite verweigere.

Mit dem Aufwerfen der innerpolitischen Streitfragen und dem Wiederaufleben des Parteikampfes hörte auch die reibungslose Unterstützung der Regierung durch den Reichstag auf. Die alte Übung der Friedenszeit trat wieder in Kraft, nach der die Reichstagsparteien in der Reichsleitung den natürlichen Gegner sahen, nach der jede Kritik und jeder Angriff gegen die Regierungsvertreter eine lobenswerte parlamentarische Tat war und der Abgeordnete es fast als eine Verlegenheit empfand, für die Regierung als „freiwilliger Regierungskommissar“ eintreten zu müssen. Schon im Frieden ließ sich mit diesem System nur schwer regieren, im Krieg wurde es zur Unmöglichkeit. Eine Regierung, die den größten Krieg der Weltgeschichte zu führen hatte, durfte nicht durch Reibungen mit dem Parlament, oft der kleinlichsten Art, bis nahezu an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit in Anspruch genommen werden; sie durfte nicht fortgesetzt durch Angriffe aus der Volksvertretung heraus und von der an den Vorgängen in der Volksvertretung sich erregenden Presse und öffentlichen Meinung gegenüber dem Ausland in ihrer Autorität geschwächt werden. Beides aber trat mit der zunehmenden Dauer des Krieges in steigendem Maße ein. Es wurde mir mitunter als Unfreundlichkeit gegenüber dem Reichstag verdacht, wenn ich mir erlaubte, darauf aufmerksam zu machen, daß die Reichsleitung, und namentlich die Herren des wirtschaftlichen Reichsressorts, in diesem Kriege noch etwas anderes zu tun hätten, als tagaus tagein in meist recht fruchtlosen Verhandlungen im Reichstag und seinen Ausschüssen ihre Zeit zu verbringen. In Wirklichkeit ist durch die Zeit und Kraft, die der Reichstag mir und meinen Mitarbeitern überflüssigerweise entzogen hat, die wirtschaftliche Kriegführung immer empfindlicher geschädigt und beeinträchtigt worden. Und das gewohnheitsmäßige Betonen und Unterstreichen eines jeden Gegensatzes zur Reichsleitung, dazu der mit der Dauer des Krieges immer fühlbarer werdende Mangel an Selbstbeherrschung seitens großer Teile der Volksvertretung mußten dazu führen, im feindlichen Auslande nicht nur das Wort und die Handlungen unserer leitenden Staatsmänner zu entwerten, sondern auch das Bild unserer inneren Zerrüttung hervorzurufen und die Hoffnung zu erwecken, daß sich das deutsche Volk gegen seinen Kaiser, gegen seine Regierung und gegen eine angeblich herrschende Kaste werde ausspielen lassen. Wir haben dem Präsidenten Wilson sein gefährlichstes Stichwort selbst geliefert.

Ich habe persönlich unter diesen Zuständen seit der Übernahme des Reichsamts des Innern auf das schwerste gelitten, zumal da für mich die Reibungen mit dem Parlament durch die im Verlauf dieser Darstellung angedeuteten Reibungen mit der Obersten Heeresleitung empfindlich verschärft wurden. Es war deshalb nicht eine Redensart, sondern mein bitterer Ernst, wenn ich schon gelegentlich der Verabschiedung des Herrn von Bethmann Hollweg den Kaiser bat, mir in Rücksicht auf die Gegnerschaften in Parlament und Presse, die ich mir zugezogen hatte, meine Entlassung zu gewähren, und wenn ich dem Grafen Hertling, als er zur Übernahme des Reichskanzleramtes nach Berlin berufen wurde, mündlich und schriftlich diese Gegnerschaft als eine für ihn ebenso unerwünschte wie vermeidbare Belastung bezeichnete.

Es gab in der Tat nur zwei Wege: entweder den Konflikt mit der Mehrheit des Reichstags entschlossen aufzunehmen, oder den Versuch zu machen, durch die persönliche Zusammensetzung der Regierung ein möglichst reibungsloses Hand-in-Hand-Arbeiten von Reichsleitung und Volksvertretung zu sichern.

Es mag sein, daß es überhaupt nicht zum Konflikt gekommen wäre, wenn es Kaiser und Kanzler ernstlich auf einen Konflikt hätten ankommen lassen. Aber das Wagnis eines ernstlichen Konfliktes in einem Krieg, in dem wir nicht nur auf die unbedingte Pflichterfüllung des Heeres, sondern auch auf die gutwillige Mitarbeit aller schaffenden Hände in der Heimat angewiesen waren, erschien zu groß.

Man beschritt also den zweiten Weg.

Von Anfang an habe ich auf das tiefste bedauert, daß sich die als notwendig erkannte Fortbildung unserer verfassungsmäßigen Zustände in Formen und unter Begleitumständen vollzogen hat, die unwürdig waren und die geradezu demoralisierend wirken mußten. Graf Hertlings Position war durch den Rückhalt, den er beim Zentrum hatte, stark genug, um die Möglichkeit zu haben, die Führung bei der parlamentarischen Ausgestaltung seiner Regierung in die eigene Hand zu nehmen. Er hatte es nicht nötig, sich und die Krone nach langem Hin und Her einfach dem Diktat der interfraktionellen Kommission zu unterwerfen. Aber zur eigenen Führung in schwierigen Lagen reichte die Kraft des alten Herrn offenbar nicht mehr aus.

So wurde Entstehung, Verlauf und Ende dieser zweiten Kanzlerkrisis zu einer schweren Erschütterung der Staatsautorität, zu einer Ermutigung der radikalen, ja umstürzlerischen Elemente im eigenen Lande und zu einer neuen Hoffnung für unsere Feinde.

Die Anfänge des Grafen Hertling