In Frankreich äußerte sich die Erregung über die italienische Niederlage und die Erfolglosigkeit der gewaltigen eigenen Anstrengungen und Opfer in einer neuen Ministerkrisis, die an Stelle des Herrn Painlevé Herrn Clemenceau ans Ruder brachte. Bei der bekannten Stellung Clemenceaus zu den Kriegs- und Friedensfragen mußte man in diesem Wechsel den Ausdruck des zum Äußersten entschlossenen Willens der Franzosen sehen, den Krieg ohne Rücksicht auf Opfer und Gefahren mit allen Mitteln bis zum Äußersten durchzukämpfen.

Ausgesprochen ungünstig war die Entwicklung der Dinge bei unserem türkischen Bundesgenossen, namentlich an der sogenannten „Sinaifront“. Noch im Frühjahr 1917 hatten die Türken starke englische Angriffe bei Gaza, an der Grenze zwischen der Halbinsel Sinai und Palästina, siegreich zurückgeschlagen. Jetzt, mit Beginn der günstigen Jahreszeit, griffen die Engländer nach großen Vorbereitungen erneut an. Schon Anfang November mußte die Sinaifront zurückgenommen werden. Die Engländer drängten scharf nach. Am 10. Dezember 1917 besetzten sie das von den Türken aufgegebene Jerusalem.

Das wichtigste Ereignis jener Zeit spielte sich jedoch in Rußland ab. Dort war in den ersten Novembertagen die zweite Revolution, die Revolution der Bolschewisten, ausgebrochen. Am 8. November war Kerenski gestürzt und geflohen; der Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte konnte von Petersburg aus verkünden, daß er alle Gewalt in seine Hand genommen habe. Am Tage darauf veröffentlichte die neue Regierung ihr Programm, an dessen Spitze die sofortige Herbeiführung eines Waffenstillstands an allen Fronten und der Abschluß eines „demokratischen Friedens“ stand. Die folgenden Wochen waren mit inneren Kämpfen ausgefüllt, in denen sich die Bolschewikiregierung mit Lenin als Präsident und Trotzki als Volkskommissar für die auswärtigen Angelegenheiten behauptete. Am 23. November teilte Trotzki den russischen Botschaftern telegraphisch, gleichzeitig mit der Konstituierung des „Rates der Volksbeauftragten“ als der neuen Regierung, den Vorschlag mit, daß alle kriegführenden Völker sofort einen Waffenstillstand schließen und in Friedensverhandlungen eintreten möchten; als Grundlage für die Verhandlungen wurde bezeichnet die Unabhängigkeit der Völker und ihr Recht, ihre Entwicklung selbst zu bestimmen, sowie der Ausschluß von Annexionen und Kontributionen. An demselben Tage begann die neue russische Regierung die Geheimverträge zwischen Rußland und seinen Verbündeten zu veröffentlichen zugleich mit der Erklärung, daß diese Verträge für das russische Volk unverbindlich seien. Das war ein deutlicher Beweis der Entschlossenheit der neuen russischen Regierung, den Weg zum Frieden nötigenfalls ohne Rücksicht auf die Ententegenossen zu gehen.

Am 29. November konnte Graf Hertling in seiner Antrittsrede dem Reichstag mitteilen:

„Die russische Regierung hat gestern von Zarskoje-Selo aus ein von dem Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten, Herrn Trotzki, und dem Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare, Herrn Lenin, unterzeichnetes Funkentelegramm an die Regierungen und Völker der kriegführenden Länder gerichtet, worin sie vorschlägt, zu einem nahen Termin in Verhandlungen über einen Waffenstillstand und einen allgemeinen Frieden einzutreten. Ich stehe nicht an zu erklären, daß in den bisher bekannt gewordenen Vorschlägen der russischen Regierung diskutable Grundlagen für die Aufnahme von Verhandlungen erblickt werden können, und daß ich bereit bin, in solche einzutreten, sobald die russische Regierung hierzu bevollmächtigte Vertreter entsendet. Ich hoffe und wünsche, daß diese Bestrebungen bald festere Gestalt annehmen und uns den Frieden bringen werden.“

Fußnoten:

[1] Siehe oben S. [65]ff.

[2] Siehe die Mitteilungen von Wolffs Telegraphischem Bureau vom 13. und 17. Dezember 1917. — Im [Nachtrag] komme ich eingehender auf diese Angelegenheit zurück.

Der Ost-Friede