Nachdem nun einmal die Entscheidung gefallen war und es kein Zurück mehr gab, stand unser Schicksal auf der Hoffnung, daß unter den verhältnismäßig günstigen Vorbedingungen die Wirkungen des U-Bootkriegs England innerhalb einer kürzeren Zeit friedensbereit machen würden, als sie Amerika brauchte, um das volle Gewicht seiner gewaltigen Hilfskräfte gegen uns in die Wagschale zu werfen. Ich konnte und wollte diese Hoffnung, die in den geschilderten Verhältnissen unserer eignen Tauchbootflotte, der Entwicklung des britischen Schiffsverkehrs und der Welternte eine starke Begründung hatte, nicht von mir weisen. In den Verhandlungen des Hauptausschusses des Reichstags vom 31. Januar und 1. Februar 1917 habe ich dieser Hoffnung Ausdruck gegeben und sie mit dem vorliegenden Tatsachenmaterial, das im wesentlichen oben wiedergegeben worden ist, begründet. Einen Termin für die Niederkämpfung Englands habe ich nicht genannt und hätte ich nach meiner Beurteilung der Sachlage auch nicht nennen können. Vorwürfe, die später von nicht uninteressierter Seite in diesem Punkte gegen mich erhoben worden sind, haben in meinen, in dem Stenogramm des Hauptausschusses festliegenden Ausführungen keine Begründung. Ich habe im Gegenteil dem Ausdruck meiner Hoffnung, daß es uns gelingen werde, England friedensbereit zu machen, bevor Amerika in der Lage sei, effektiv in den Krieg gegen uns einzutreten, im bewußten Gegensatz zu den von anderer Seite in Aussicht gestellten bestimmten Fristen den Zusatz hinzugefügt: „Eine Garantie kann natürlich niemand übernehmen.“

Die Hoffnung wurde bestärkt durch die guten Anfänge des U-Bootkriegs.

Zunächst übertrafen die Leistungen der U-Boote die Schätzungen. Statt der angenommenen 600000 Tonnen, die ja schon nach den Leistungen des U-Bootkreuzerkriegs als zu gering erscheinen mußten, erreichte nach den Angaben unseres Admiralstabs die Versenkung im Monat April 1091000 Tonnen und im Monat Juni 1016000 Tonnen. Das Gesamtergebnis der ersten sechs Monate des uneingeschränkten U-Bootkriegs war — immer nach den Angaben unseres Admiralstabs — 5½ Millionen Tonnen. Auch die Abschreckung der neutralen Schiffahrt vom Verkehr mit England, auf die der Admiralstab so stark gerechnet hatte, schien Tatsache zu werden. Die Schiffsbewegung im „Neuen Wasserweg“ (Rotterdam), die in der ersten Januarwoche 1917 noch einen Eingang von 79000 Nettotonnen aufgewiesen hatte, ging auf 6000 Tonnen in der dritten Märzwoche zurück. Die Entwicklung des britischen Schiffsverkehrs ließ sich leider nicht mehr unmittelbar verfolgen, da vom Februar 1917 die Veröffentlichung der Schiffsstatistik eingestellt wurde. Aber die starken Versenkungen, verbunden mit dem Fernbleiben eines großen Teils der neutralen Handelsschiffe, konnten nicht ohne Wirkung bleiben.

Auch die Ziffern der britischen Einfuhr wurden vom Februar an nicht mehr in der alten Vollständigkeit veröffentlicht. Vor allem wurden für die Nahrungsmitteleinfuhr die Mengenangaben geheimgehalten. Aber die Daten, die noch publiziert wurden, zeigten eine sehr erhebliche Einschränkung fast auf der ganzen Linie. Die Einfuhr des Monats Februar 1917 betrug dem Werte nach nur noch 70 Millionen £ gegen 90 Millionen im Januar. Die Einfuhrmenge des Februar 1917 wies gegenüber derjenigen des Februar 1916 einen Rückgang auf: bei Wolle um 17%, bei Baumwolle um 27%, bei Eisen und Stahl um 59%, bei Holz um 42%, bei Rindfleisch um 17%, bei Butter und Schmalz um 21%, bei Eiern um 39%. Im März 1917 stellte sich der Rückgang der Einfuhrmenge: bei Wolle auf 33%, bei Baumwolle auf 53%, bei Eisen und Stahl auf 62%, bei Holz auf 64%. Über Fleisch, Butter und Eier wurden vom März ab Mengenzahlen nicht mehr bekanntgegeben.

Die schwierige Lage der britischen Getreideversorgung ergab sich aus den knappen Beständen in dem Hauptbezugslande, den Vereinigten Staaten. Das Ackerbaudepartement schätzte am 1. März 1917 die noch in den Händen der Farmer befindlichen Bestände an Weizen auf nur 101 Millionen Bushels (= ca. 2½ Millionen Tonnen) gegen 241 Millionen Bushels um die gleiche Zeit des Vorjahres. Die Ernteaussichten auch für das Jahr 1917 waren schlecht.

Alle diese Ziffern erhielten ihren Hintergrund durch Äußerungen der britischen Staatsmänner und der britischen Zeitungen sowie durch Informationen der verschiedensten Art über den Stand der Dinge in England. Lloyd George hatte zu Anfang des Krieges als Schatzkanzler das geflügelte Wort von den „silbernen Kugeln“ gesprochen, mit denen England siegen werde; er hatte dann als Munitionsminister alle Hoffnungen auf die Massenherstellung von Kriegsmaterial und Munition gesetzt; als er jetzt am 12. April 1917 eine Begrüßungsansprache an den neuen amerikanischen Bundesgenossen hielt, da lautete sein Hilferuf: „Schiffe, Schiffe und noch einmal Schiffe!“ Schon im Februar 1917 hatte Lloyd George im Unterhaus bekannt, die britischen Getreidebestände seien „geringer als jemals seit Menschengedenken“. Im April erklärte der Unterstaatssekretär des britischen Kriegsernährungsamts, Captain Bathurst, der Verbrauch an Brotstoffen gehe um 50 vom Hundert über die noch vorhandenen und die noch zu erwartenden Vorräte hinaus; er stellte außerdem in Aussicht, daß die Kartoffelvorräte in vier Wochen aufgebraucht sein würden.

Die englische Regierung griff zu tief einschneidenden Maßnahmen. Um die Zufuhr der für die Volksernährung und Kriegführung wichtigsten Güter nach Möglichkeit zu sichern, stellte sie die Einfuhr aller irgendwie entbehrlichen Dinge unter Verbot. Den gesamten britischen Schiffsraum stellte sie unter eine einheitliche Kontrolle; aus den nicht unmittelbar dem Verkehr mit England dienenden Linien zog sie so viel Schiffe für die Versorgung Englands heraus, daß nach dem Ausspruch des britischen Handelsministers von der internationalen Schiffahrt Großbritanniens nur noch ein Skelett verblieb. Der stärkste Druck wurde auf die Neutralen ausgeübt, um ihre Schiffahrt in den Dienst Großbritanniens zu zwingen. Überall, wo es gelang, einen neutralen Staat zur Kriegserklärung an Deutschland zu bewegen, wurden die in seinen Häfen liegenden deutschen Schiffe konfisziert. Nach jeder Möglichkeit wurde auf eine Hebung der Produktion im eigenen Lande hingearbeitet. Eine Steigerung der Förderung einheimischer Eisenerze sollte den Ausfall an fremden Zufuhren decken; gesteigerter Holzschlag in den eigenen, nicht sehr ausgedehnten Wäldern sollte Ersatz schaffen für den Ausfall in der Zufuhr fremden Grubenholzes; vor allem aber wurde ein großartiges landwirtschaftliches Programm aufgestellt, das durch die Umwandlung von Grasland in Ackerland die britischen Inseln von der ausländischen Getreidezufuhr unabhängig machen sollte. Natürlich wurden auch die größten Anstrengungen gemacht, um den während des Krieges so stark zusammengeschrumpften Bau von Handelsschiffen wieder hochzubringen. Die vorhandenen Lebensmittel wurden durch scharfe Vorschriften über die Ausmahlung und über Zusatzmittel gestreckt, der Verbrauch wurde durch eine knapp zugemessene Verteilung empfindlich eingeschränkt.

Amerika suchte nach Möglichkeit zu helfen. Vor allem im Schiffbau, der nach anfänglichen Fehlschlägen, so mit dem massenhaften Bau von Holzschiffen, in der Tat einen großen Aufschwung nahm; dann aber auch mit der Zufuhr von Lebensmitteln. Hier geschah, was ich von Anfang an gefürchtet hatte. Die amerikanische Regierung ließ sich weitgehende Vollmachten für die Regelung der inneren Lebensmittelverteilung und der Lebensmittelausfuhr erteilen. Auf Grund dieser Vollmachten gelang es gegen die Mitte des Jahres 1917, für die Versorgung Englands größere Mengen von Getreide verfügbar zu machen.

Von der zweiten Aprilhälfte an bis in den Juli hinein stieg die Besorgnis in England auf ihren Höhepunkt. Wir erhielten in jener Zeit aus einer unbedingt zuverlässigen Quelle Nachrichten, daß Lloyd George bei seinem Besuch in Paris sich geradezu verzweifelt über die Ernährungslage Englands ausgesprochen habe. Es schien in der Tat, als sei dem U-Bootkrieg der Erfolg beschieden. Wie nahe er damals seinem Ziele war, das werden wir zweifellos aus den englischen Darstellungen über die Entwicklung des Krieges bestätigt erhalten.