Das moralisch Böse wird als etwas Negatives, als das Nachlassen der geistigen Kraft auf die Materie aufgefaßt, gegen welche das Gute als Positives, als frei waltende Kraft fortwährend zu kämpfen hat. Die Götter selbst gaben dazu durch ihre Büßungen ein Vorbild.
Das Dasein des Menschen auf Erden ist eine Strafe und wie jedes Leiden und Ungemach durch in früheren Daseinsstufen begangene Sünden verschuldet, und je weiter sich alles von der Quelle der Gottheit entfernt, desto mehr verschlimmert es sich, weil die Gesetze der Emanation und Evolution es mit sich bringen, daß die Kette und der Kreis aller Wesen sich je länger je mehr vom Mittelpunkt entfernt. Das Böse würde demnach bei seinem beharrlichen Sinken keine Aussicht auf eine Rückkehr zum Göttlichen haben, wenn die Gottheit nicht selbst dazu ein Mittel gegeben hätte. Sie hat, sich gewissermaßen zum Fatum – Karma – gestaltend, nicht nur jedem Einzelwesen ein besonderes Ziel in einer Einzelexistenz – Incarnation – gesteckt, sondern vergönnt ihm auch in wiederholten Existenzen – Reincarnationen – auf die Erde herabzukommen, um sich in ihnen zum endlichen Rückfluß in die Gottheit zu läutern. – Durch die Kenntnis dieses Gesetzes erhält der Mensch die Richtschnur für sein Denken und Handeln.
Die Weltendauer ist auf 12 000 resp. 432 000 Jahre beschränkt, nach deren Verlauf alles Böse vernichtet wird, wenn die Gottheit abermals erscheint, die materielle Welt zerstört und ein allgemeines Reich des Geistes einführt.
Es heißt in den Veden: „Was kann die Welt für Freude gewähren, wo Alles sich verschlimmert? Könige sind gefallen, Ströme versiegt, Berge versunken. Der Pol selbst hat seinen Ort verändert; Sterne sind aus ihrer Bahn gewichen, die ganze Erde ist von ihrer Bahn heimgesucht und die Geister selbst vom Himmel geschleudert worden.“ Darum muß alles Sein dahinschwinden, und das Ramayana[262] ergeht sich in folgenden Betrachtungen:
„So wie die reife Baumesfrucht im Augenblicke fallen kann,
Muß dir, o Mensch, dein Erdenziel beständig in Gedanken sein;
Denn wie veraltet ein Gebäu, so fest es war, in Trümmer fällt,
So welkt der Sterblichen Geschlecht dem Tode unaufhaltsam zu.
Es kehret nimmermehr zurück die Nacht, wenn einmal sie verschwand,
Und mit des Ganges Wasser mischt ohne Rast sich Yamuna.
Es schwinden unsre Tage hin, und aller Wesen Lebenshauch
Ist wie ein Dunst zur Sommerzeit, den aufwärts zieht der Sonnenstrahl,
Zur Seite wandert uns der Tod, kehrt ein mit uns von Jugend auf.
Und wendet sich mit uns zurück, wenn wir am höchsten Ziele sind,
Wenn grau das Haar geworden ist, wenn eingeschrumpft die Glieder sind. –
Es freuen sich die Menschen hier, wenn auf- die Sonn' und untergeht:
Es sollte Warnung ihnen sein, daß Alles auf- und untergeht:
Sie freuen sich der Frühlingszeit, wenn Alles jung und neu erscheint:
Ach, wie das Jahr die Zeiten rollt, so schwindet auch das Leben hin! –
Wie dort am Lotosblatte sich ein Tropfen Thaues zitternd hält,
So ist dem steten Falle nah des Menschen zitternd Erdenglück,
Und wie im großen Ocean ein Splitter Holz den andern trifft,
So treffen hier auf Erden sich die Wesen einen Augenblick.“
Der ausgesprochene Pessimismus der indischen Religionsphilosophie läßt, wie bekannt und bereits gesagt, die irdische, materielle, sublunarische Welt ein Übel sein, welches steter Veränderlichkeit und stetem Wechsel ausgesetzt ist, während darüber hinaus stete Ruhe und Seligkeit herrscht.
Diese dem Wandel unterworfene Sinnenwelt zerfällt in drei Abteilungen nach den drei Dimensionen des Raumes. In diesen drei Abteilungen sind vierzehn Klassen von Wesen verteilt nach den drei Grundkräften, mit denen die Natur wirkt. Denn gleichwie der Zusammenfluß von drei Strömen nur einen bildet, oder wie durch Vereinigung von Öl, Docht und Flamme das Licht entsteht, so wirken die drei Grundkräfte durch Vereinigung der feindlichen Gegensätze zu einem Zwecke hin. Die drei Grundkräfte sind folgende:
1. Tamas, Finsternis, Unwissenheit und niedere Selbstsucht, bei welcher das Gewissen und die Scham wegen böser Handlungen eintritt.[263] Diese Eigenschaft ist in Erde und Wasser vorherrschend, weil diese Elemente abwärts streben. Zu ihr gehören fünf Abteilungen der untersten Weltzone, die Tierwelt und die leblosen Körper. Deshalb findet auch bei Menschen, in denen diese Eigenschaft vorherrscht, die Metempsychose in niedere Tierkörper statt, sodaß die größten Sünden wie Ehebruch, Zerstörung religiöser Gebäude die Seelenwanderung in die niedersten Tierkörper, ja sogar den Übergang in Pflanzen und Mineralien nach sich zieht.
2. Maya, die Täuschung oder der Schein. Dieselbe herrscht in der Luft vor und ist beim Menschen ein passiv-leidenschaftlicher Zustand, in welchem die Vernunft gefangen genommen ist. Bei ihm findet eine Metempsychose in menschliche oder höchstens übermenschliche Wesen niederster Gattung statt. Sie hat in der mittlern, nur von einer Wesensreihe – der menschlichen – bewohnten Weltzone die Oberhand. In ihr herrscht die Leidenschaft, weshalb sich der Mensch gegen dieselbe wappnen und seine Sinne beherrschen soll.