Dennoch wissen wir aber, daß, wie im nächsten Kapitel näher ausgeführt werden soll, Hervorrufung von Somnambulismus und heilmagnetische Praxis eine Hauptrolle spielte. Die Vorbereitung dazu bestand in Fasten, Baden, Reinigung, Salben und Reiben; in an die Götter gerichteten Gebeten und Lobpreisungen, während feierliche Opfer, heilige Ceremonien und geheimnisvolle Musik in tiefer Dunkelheit die Seele der Gläubigen in mystische Schwingungen versetzte.
Vom Priester selbst sagt Jamblichus:
„Ipse sacerdos, antequam det oracula, multa rite peragit sacrificia, observat sanctimonium, lavatur; triduum prorsus abstinet cibo, habitat in secessu, jamque incipit paulatim illuminari mirificeque gaudere.“
Betrachten wir nun das magnetische Verfahren der Ägypter selbst.
[Zweites Kapitel.]
Der Heilmagnetismus bei den alten Ägyptern.[286]
Auf der auf der Pariser Nationalbibliothek befindlichen sogen. Bentrosch-Stele von dreitausendjährigem Alter wird die glückliche Heilung der besessenen Tochter eines mesopotamischen Fürsten erzählt, und es kann nicht der mindeste Zweifel obwalten, daß die Heilung durch Hypnotismus und Heilmagnetismus geschah.
Der Text der Bentrosch-Stele lautet nach der Übersetzung des Professor Dr. Lauth in München[287]:
„Siehe, es befand sich Se. Majestät in Nahar gemäß seiner alljährlichen Gepflogenheit. Die Großen jedes Fremdlandes zogen als Gebückte, als Friedfertige mit Opfergaben vor die Geistigkeit Sr. Majestät von den äußersten Hinterländern her. Sie brachten ihre Tribute an Gold, Silber, Lapis Lazuli, Kupfer und allen Holzarten des heiligen Landes auf ihren Rücken; ein jeglicher suchte seinen Nebenmann zu überbieten. Da ließ auch der Fürst des Landes Buchtan herbeigebracht werden seine Tribute und gab ihm seine älteste Tochter an der Spitze derselben, indem er anrief Se. Majestät und das Leben erbat von demselben. Es war dies ein schönes Weib, überaus geschätzt von Sr. Majestät über Alles. Sofort schrieb man ihren Titel als königliche Hauptfrau mit dem Namen Ranofru ‚Sonne der Schönheiten‘. Nachdem Se. Majestät der König nach Ägypten gelangt war, vollbrachte er ihr alle Ceremonien, die einer königlichen Hauptfrau gebühren.“
„Im Jahre 15 am 22. Payni[288] geschah es nun, daß sich Se. Majestät in der Stadt Theben befand, der siegreichen, der Gebieterin der Städte, beschäftigt mit Lobpreisungen des Vaters Amun, des Herrn der Throne beider Welten, an seinem schönen Panegyrienfeste im südlichen Apt, seinem Lieblingssitze von Anfang. Da kam man zu sagen Sr. Majestät: ‚Es ist ein Bote des Fürsten von Buchtan da, gekommen mit zahlreichen Geschenken für die Königsfrau‘, und sofort wurde dieser vor Se. Majestät gebracht mit den Geschenken. Alsdann sprach er, den Boden küssend vor Sr. Majestät: ‚Preis Dir, Du Sonne der neun Völker! Gestatte uns zu leben bei Dir! Ich komme zu Dir, o Großkönig, mein Gebieter, in Betreff der Bentrosch, deiner jüngern Schwester von Seiten der Königsfrau Ranofru. Ein Übel ist eingedrungen in ihre Glieder. Möge darum abreisen lassen Deine Majestät einen Sachverständigen, um sie zu besehen.‘ Sofort sprach Se. Majestät: ‚Bringet mir die Schreiber des Hierogrammatenhauses und die Gelehrten der Geheimnisse des Adytum!‘ Sie wurden auf der Stelle herbeigeführt. Da sprach Se. Majestät: ‚Warum hat man Euch rufen lassen? Damit ihr höret dieses Wort: Sofort liefert mir einen Künstler in seinem Herzen, einen Schreiber (Operateur) mit seinen Fingern aus Eurem Kreise.‘ Nachdem nun der Basilicogrammate Thotemhebi vor Se. Majestät getreten war, befahl ihm Se. Majestät, daß er ausziehe gen Buchtan mit diesem Boten. Als nun aber gelangt war der Sachverständige gen Buchtan, traf er die Bentrosch im Zustande einer von einem Dämon Besessenen, und fand sich selbst zu schwach, um mit demselben zu kämpfen. Da sandte der Fürst von Buchtan wiederum einen Boten an Se. Majestät mit den Worten: ‚O Großkönig, mein Herr, es möge befehlen Se. Majestät, daß gebracht werde der Gott Chonsu selber.‘[289] Es ereignete sich nun, daß Se. Majestät im Jahre 26 im Monate Pachon[290] zur Zeit der Amunspanegyrie im Innern von Theben sich befand. Da trat Se. Majestät wieder vor Chonsu nofer hotep[291] mit den Worten: ‚O gütiger Herr, ich bin wieder vor dir in Betreff der Tochter des Königs von Buchtan.‘ Sofort wurde gebracht Chonsu nofer hotep zu Chonsu p-ari secher[292], dem großen Gott, welcher vertreibt die Unholde. Alsdann sprach Se. Majestät vor Chonsu nofer hotep: ‚O du gütiger Herr, wenn du doch wendetest dein Antlitz gen Chonsu p-ari secher, welcher vertreibt die Unholde, damit er ziehe gen Buchtan.‘ Zunickung, große, große. Alsdann sprach der König: ‚Gieb deinen Segen mit ihm, damit ich ziehen mache Se. Heiligkeit gen Buchtan, um zu erlösen die Tochter des Fürsten von Buchtan.‘ Zunickung des Hauptes, große, große, von Seiten des Chonsu nofer hotep. Sofort machte er den Segen viermal über den Chonsu p-ari secher. Es befahl dann Se. Majestät, daß man ausziehen mache Chonsu p-ari secher auf einer großen Barke mit fünf Schifflein, einem Wagen und zahlreichen Pferden rechts und links. Als nun gelangt war dieser Gott gen Buchtan in einer Dauer von 1 Jahr 5 Monaten, siehe da kam der Fürst von Buchtan mit seinen Soldaten und Edeln entgegen dem Chonsu p-ari secher, dem Planausführenden. Derselbe that sich auf seinen Bauch, indem er sprach: ‚Du kommst zu uns, du läßt dich bei uns nieder nach der Weisung des Königs Vesu-ma-Ra sotep-en-Ra.‘“