[Viertes Kapitel.]
Die Seelenlehre der alten Ägypter.[303]
Die Berichte, welche das erste Buch Mosis über die Schöpfung der Welt und die älteste Geschichte des Menschengeschlechtes liefert, sind nicht ausschließlich Eigentum der Juden, sondern finden sich bei fast allen Kulturvölkern semitischer und hamitischer Abstammung bereits in uralter Zeit, so bei den Babyloniern, Phöniziern und Ägyptern. Es werden in unsern Tagen an den Ufern des Euphrats ganze Bibliotheken von beschriebenen Thontafeln zu Tage befördert, welche von der Schöpfungsgeschichte, dem Paradiesgarten mit dem Lebensbaume und der Schlange, der Sintflutsage Nachricht geben, und zwar mit einer Übereinstimmung in der Detaillierung, daß ein notwendiger Zusammenhang mit den biblischen Erzählungen unmöglich geleugnet werden kann. In Ägypten sind es weniger zahlreiche und deutliche Überreste, doch darf auch für das alte Pharaonenland die Kenntnis der Flutsage, des Gartens Eden und des Babelturmes als erwiesen betrachtet werden.
Diese merkwürdigen Übereinstimmungen weisen auf die gemeinsame asiatische Urheimat dieser Völker hin und auf die Verwandtschaft aller Nachkommen der Söhne Noahs, Sem, Cham und Japhet, die sich über die benachbarten Länder verbreiten mußten, weil die Heimat die allzu zahlreich Gewordenen nicht mehr zu fassen vermochte. Nach Genesis X, 6 sind die Söhne Chams: Kusch, Mizraim, Put und Kanaan. Diese wanderten nach Westen und wir dürfen für die Nachkommen des Put und Kanaan die Bewohner des Landes Punt und Keft ansehen, die Araber und Phönizier, während Kusch am weitesten nach Süden gelangt und der Stammvater der Äthiopier wurde, und Mizraim sich in Ägypten niederließ.
Die ältesten Abkömmlinge des Mizraim erkennen wir in Ägypten in den prähistorischen Hor-schasu, den Horusdienern, den Gründern der ältesten Stadt des Landes Anu (On der Bibel, Heliopolis der Klassiker), mit theokratischer Regierung, deren letzter Herrscher, Bytes, bis auf 4245 v. Chr. zurückreicht. Die Kultur dieser Hor-schasu muß schon in unvordenklichen Zeiten eine hochentwickelte gewesen sein; in den ältesten Schriften wird auf ihre Epoche als auf ein goldenes Zeitalter hingewiesen und ihr eine Dauer von Myriaden von Jahren zugesprochen, während eine Dauer von 4000 Jahren eine mäßige Schätzung der heutigen Gelehrten ist. Ihnen ist die Gaueinteilung des Landes, Einführung der Gesetze, Erfindung der Künste und Wissenschaften, des Papiers und der Schrift zuzuschreiben. Nach der Hor-schasu beginnt (etwa 4000 v. Chr.) die historische Zeit mit der Regierung von Königen, und wir finden schon unter der ersten Dynastie derselben in Ägypten eine ausgebildete Mythologie, die nur das Produkt langer theosophischer Spekulationen sein kann, mit Tempeln und Pyramiden, welche letztere wieder die Einbalsamierung der Leichen und somit die Lehre von einer Fortdauer der Seele nach dem Tode voraussetzt. – War ein Keim aus der asiatischen Urheimat mitgebracht worden, aus welchem die Priester ihre esoterischen Lehren von Gott, der Welt und den Menschen entwickelten?
Man könnte versucht sein, die jüdische Geheimlehre, die Kabbala, hier in Betracht zu ziehen, die so viele Übereinstimmungen mit dem ägyptischen Emanationssystem der Priesterlehre aufweist, und vermuten, daß der Ursprung beider auf eine solche asiatische Quelle zurückzuführen sei. In der That greifen einige Kabbalisten bezüglich der Entstehung ihrer Lehre bis auf Adam zurück, dagegen nennen andere den Abraham, wieder andere Moses als den ersten, dem die Lehre mitgeteilt worden sei, ganz zu schweigen von den neueren Forschern, von denen jeder zu einem andern Resultate gelangt. – Ich möchte der Wahrscheinlichkeit, daß die Kabbala auf Moses zurückzuführen, demnach ägyptischen Ursprungs sei, vor allen anderen Theorien den Vorzug geben. Die jüdische Nation war als Nomadenfamilie von 70 Gliedern in Ägypten eingewandert (11. Moses 1, 5), und erst während ihres mehr als 400jährigen Aufenthaltes daselbst das große Volk geworden, das nachmals durch das rote Meer zog. Moses selbst, in ägyptischer Weisheit erzogen und wie auch sein Bruder Aharon-Levi, in die Geheimnisse der Priester eingeweiht, tritt gleich nach dem Auszuge als Gesetzgeber auf – mit ägyptischen Gesetzen. Die Hierarchie der Leviten, Lebensart und Verrichtungen derselben, die Bestimmungen über reine und unreine Tiere, die Einteilung der Stiftshütte mit dem Allerheiligsten, alles dieses, auch die zehn Gebote, von denen das vierte mit derselben Verheißung bei den Ägyptern vorkommt, ist von Moses nach ägyptischen Vorbildern bestimmt und zum Gesetz erhoben worden. Sollte dagegen Moses die geheime Priesterweisheit selbst seinem Volke ganz und gar vorenthalten haben?
Hieran anknüpfend, will ich im Nachfolgenden den Beweis zu liefern versuchen, daß die Vorstellung vom Menschenwesen, von seinem materiellsten, körperlichsten Prinzip, dem Leib, bis hinauf zu dem höchsten, dem transscendentalen Ich, dem Geist, wie in der jüdischen und sonstigen esoterischen Lehre, so auch wohl in der Priesterlehre der alten Ägypter die gleiche war, daß für alle Zwischenglieder der beiden Extreme, Körper und Geist, sich Bezeichnungen im ägyptischen Totenbuche vorfinden, die für vollständig kongruent mit den Bezeichnungen der jüdischen und indischen Geheimlehren gehalten werden dürfen. – Zuvörderst muß ich jedoch zum besseren Verständnis die altägyptische Vorstellung von dem Schicksal des Menschen nach dem Tode schildern.
Dem griechischen Schriftsteller Stobäos verdanken wir die Schilderung eines Fragmentes aus einer älteren hermetischen Schrift, die einen wichtigen Beitrag zur Seelenlehre enthält. Es wird darin gelehrt, daß:
„Von einer Seele, der des Alls, alle diese Seelen stammen, welche sich, gleichsam verteilt, in der Welt umhertreiben. Diese Seelen erfahren viele Verwandlungen; die, welche jetzt kriechende Geschöpfe sind, verwandeln sich in Wassertiere; aus diesen Wassertieren werden Landtiere, aus diesen Vögel. Aus den Geschöpfen, die oben in der Luft leben, werden die Menschen. Als Menschen aber empfangen sie den Anfang der Unsterblichkeit, indem sie zu Dämonen werden und in den Chor der Götter gelangen.“
Wir erkennen hier die Wanderung eines Ausflusses der Allseele durch die Tierleiber als Präexistenz einerseits und die Fortdauer der Seele nach dem Tode des Menschen als Unsterblichkeit andererseits; die Begriffe Seelenwanderung und Unsterblichkeit sind streng auseinander zu halten. Auch die bis auf unsere Tage erhaltenen inschriftlichen Denkmäler des Pharaonenlandes trennen stets diese beiden Begriffe, und zwar so, daß die Unsterblichkeit als ein Zustand dargestellt wird, in welchem die Seele, mit ihrem verklärten Leibe vereinigt, ein ewiges glückliches Dasein genießt, befreit von allen Leiden der irdischen Wesen, während die Seelenwanderung sich auf der Erde vollzieht, in einem steten Wechsel zwischen Tod und Wiederaufleben in einem neuen Körper besteht, wobei die Leiden in den irdischen Körpern, besonders der Schmerz des jedesmaligen Todes, von der Seele ertragen werden müssen. Hand in Hand mit dem göttlichen Ursprung der Seele geht dann die Lehre von einer Belohnung der Guten und einer Bestrafung der Bösen. So heißt es im ersten Kapitel des Totenbuches: