Der Virtuosität der weißen Magie im Guten entspricht die Virtuosität der Schwarzkunst im Bösen, welche beide besondere Stärke der Seele und des Geistes voraussetzen, weshalb auch die Kabbala – in Hinsicht der Stärke – Bileam dem Moses gleichstellt.[323] Zauberer wie Bileam sind die Priester und Heroen im Reiche der Tumah, und es hat solche überall und zu allen Zeiten gegeben. Die Kabbala rechnet zu ihnen die Nephilim der Tradition und die großen Magier der mosaischen Zeit wie Jamnes und Jambres[324] und Balak.[325]
Da nun die Kabbala dem Menschen eine sowohl auf das Schauen als auch auf das Wirken gerichtete magische Kraft beilegt, so tritt die Frage an uns heran, weshalb nach dieser Lehre das Herbeiziehen und die Mitwirkung einer Geisterwelt notwendig wird. Diese Frage wird zwar in der Kabbala selbst nirgends ausdrücklich aufgestellt, aber ihre Beantwortung ergiebt sich leicht aus den Prinzipien der jüdischen Magie: Obschon der Mensch von Natur aus magische Kraft besitzt, so wird doch dieses Vermögen bei weitem erhöht, durch den Einfluß anderer mächtigerer geistiger Wesen, und zwar hat er die Hilfe um so nötiger, wenn er in Sphären gelangen will, für welche seine eigene Kraft nicht ausreicht.
Was nun das magische Schauen betrifft, so muß das Erkennen der äußeren Sinne örtlich oder zeitlich verborgener, oder in natürlicher Verbindung stehender Dinge unterschieden werden von der höheren Divination oder dem Voraussehen künftiger durch die freie Wahl der Menschen bedingter Begebenheiten. Allerdings kann der geistige Mensch durch das Entbundensein von den äußeren Sinnen, durch das innere geistige Wesen der Dinge auf eine für ihn fühl- und bemerkbare Weise affiziert werden[326], infolgedessen er ohne alle fremde Beihilfe unmittelbar das Verborgene durchschaut und aus der Beschaffenheit desselben die dadurch verursachten Wirkungen erkennt. Er vermag daher auch, da nach kabbalistischer Lehre nicht nur jede Handlung eines Menschen eine Reschimah (Einzeichnung) hinterläßt, sondern auch alles Geschehene seit Beginn der Welt sich in den Äther eingräbt, die Zukunft vorauszusehen, insofern sie durch frühere Handlungen bedingt ist. Trotzdem hat diese unvermittelte Seherschaft ihre Grenzen, weil der innere Mensch nur von demjenigen affiziert wird, das ihm verwandt ist. Je freier und höher entwickelt der geistige Mensch, desto weiter wird sich seine eigenste unmittelbare Anschauungs- und Aktionssphäre erstrecken. Wo aber dieselbe endigt, hat er die Hilfe anderer geistiger Wesen nach kabbalistischer Lehre nötig, die sein inneres Schauen erweitern und ihm kund thun, was er selbst nicht zu schauen vermag. Darum lehrt die Kabbala auch bei den höheren Graden der niederen Magie den Einfluß und die Einwirkung geistiger Wesen, welche sich gern und leicht zu den Menschen gesellen, die in ihr Gebiet hineinimaginieren.
Anders verhält es sich mit künftigen, vom freien Willen abhängigen Handlungen eines Geschöpfes oder mit dem Ratschluß der Gottheit und ihrem Eingreifen in die Schicksale der Einzelnen wie des Ganzen. Diese Dinge sind nur der Gottheit als dem absoluten selbständigen Urgrund bekannt und werden von derselben den Propheten durch einen freien Willensakt mitgeteilt.[327]
Die Intellektualwelt ist eine in zahllosen Stufen gegliederte Hierarchie von Wesen, welche von der Gottheit nach unten emanieren, die von ihr erhalten und regiert werden und um so höher und geistiger sind, als sie ihrem Urquell näher stehen. Die Gottheit, der absolute Urgrund, offenbart sich allen Geschöpfen, jedem nach seiner Art, auf doppelte Weise, auf eine innerlich subjektive und eine äußere objektive. Vermöge der ersteren erfüllt die Gottheit die Kreatur in der Art, daß der Schöpfer in seiner ganzen Unendlichkeit im Geschöpfe gegenwärtig, demselben innerlich unmittelbar nahe und für dasselbe gleichsam nur allein vorhanden ist. Vermöge der letzteren jedoch ist die Gottheit zwar der eine allgemeine Gott für alle Geschöpfe der intellektuellen und materiellen Welt, aber er befindet sich außerhalb der Geschöpfe und teilt sich denselben auf eine äußerliche geistige Weise mit in der Art, daß die der Gottheit zunächststehende Stufe der Intellektualwelt den göttlichen Einfluß unmittelbar empfängt und mittelbar auf die unteren Stufen überträgt, die sich stufenweise ineinander abspiegeln. So gelangen die göttlichen Offenbarungen nach unten, in welche die niederen Stufen nur so viel Einsicht erlangen als ihnen die oberen mitteilen; endlich empfangen die Offenbarungen – namentlich die unglücklicher Ereignisse – „die Vollzieher der Strenge“ (die finstern Wesen) und zeigen sie, die in baldiger Erfüllung stehen, den Menschen im Traume.[328] Deshalb ist nach kabbalistischer Lehre auch in vielen Fällen des finstern magischen Schauens und Wirkens die Beihilfe der Dämonen nötig, welche sich gern freiwillig zu den Menschen gesellen, sobald diese in ihre Sphäre energisch einzugreifen beginnen.
Die schauende Naturmagie ist sowohl auf das äußere Sinnliche, als auch auf das innere Übersinnliche gerichtet. Die äußerlich schauende Magie besteht in den Versuchen, aus den Erscheinungen und Veränderungen in den äußeren sichtbaren Dingen den verborgenen Willen ihrer unsichtbaren Lenker und damit die Zukunft zu erforschen und zerfällt in zwei Abteilungen, deren erste die Aufmerksamkeit auf die oberen himmlischen, die letzte jedoch auf die unteren irdischen Dinge richtet. Die erstere wird Monen, die letztere Nichusch genannt.
Unter Monen versteht man die gesamte Astrologie der Tagewählerei durch astrologische Elektionen. Die Tagewählerei ist verboten, ebenso das unbedingte Vertrauen auf die astrologischen Schicksalssprüche und das Einrichten des Lebens nach den Konstellationen des Himmels. Doch ist die Astrologie als Naturweisheit erlaubt, und der Jude soll die Aussprüche der Astrologen nicht verachten, sondern beherzigen; er darf sie jedoch nicht als untrüglich ansehen, weil alle natürlichen Mantien die Zukunft nur mit bedingter Gewißheit verkünden.[329]
Der Nichusch ist also die wahrsagende Deutung der Erscheinungen und Veränderungen irdischer Dinge und gründet sich darauf, daß nach kabbalistischer Lehre erstens alles beseelt ist und das Himmlische sich dem Irdischen sowohl mitteilt als auch einprägt. Das Innerste der Elemente ist geistiger Natur und von Intelligenzen belebt, welche ihren Einfluß und ihre Wirkung selbst auf die Vögel und vierfüßigen Tiere ausdehnen.[330] Zweitens gründet sich der Nichusch auf den Umstand, daß es keinen reinen Zufall giebt, sondern daß alle Dinge auf der Welt in einem inneren geistigen Zusammenhang stehen und sich aufeinander beziehen.
Der Nichusch schöpft also seine Weissagungen aus allen Reichen der Natur, aus meteorologischen Erscheinungen, aus dem Rauschen der Bäume, aus dem Verhalten des Feuers wie der Tiere, besonders der Vögel, aus den Eingeweiden der Opfertiere, den Angängen, Anzeichen usw. und umfaßt bei weitem die meisten der zum Teil noch heute üblichen niederen Wahrsagekünste.
Die innerlich schauende Naturmagie beruht darauf, daß der Mensch durch verschiedene Manipulationen und Methoden seine Sehergabe entwickelt und sich auf künstliche Weise mit der innern Naturwelt in Verbindung setzt. Auch die innerlich schauende Naturmagie zählt verschiedene Stufen, deren unterste Kosem K'samim genannt wird, auf dieser wird ein mehr oder minder klares Hellsehen durch die Kleromantie mit ihren Unterarten[331], sodann durch Hypnotismus und Mesmerismus, also durch das Blicken auf glänzende Gegenstände, Spiegel, blanke Messer und Pfeile, Wasserbecken usw. sowie endlich durch das Auflegen der Hände erzeugt.[332] – Die Kleromantie oder Looswahrsagung beruht jedoch nicht allein auf einer bewirkten inneren Konzentration der Seele, sondern auch gleichzeitig auf der Übereinstimmung des äußeren magischen Aktes mit der inneren Ordnung der Dinge selbst, und wird daher nur insoweit von Erfolg begleitet sein, als diese Übereinstimmung vorhanden oder hergestellt ist.[333] – Bei dem magischen Schauen bedienen sich die Magier vielfach junger Leute, welche noch keinen Umgang mit Frauen gehabt haben, unter der Voraussetzung, daß sich die Unschuld noch in ungetrübter Verbindung mit dem Wesen des Seins befindet.[334]