[Zweite Abteilung.]
Die Kabbala.

[Erstes Kapitel.]
Das Alter der Kabbala.[349]

Die enthusiastischen Anhänger der Kabbala lassen dieselbe durch die Engel vom Himmel herabgebracht werden, um dem ersten Menschen nach seinem Fall die Mittel zu bezeichnen, wie er seinen ursprünglichen Adel und seine ursprüngliche Glückseligkeit wieder erlangen könne. Andere sind der Meinung, daß der Gesetzgeber der Hebräer, nachdem er sie während seines vierzigtägigen Aufenthaltes auf dem Sinai von Gott selbst empfangen habe, sie den siebenzig Ältesten, mit denen er die Gaben des heiligen Geistes teilte, mitgeteilt habe, und daß sie sich mündlich bis zu der Zeit fortgepflanzt habe, in welcher Esra sie und das Gesetz niederschreiben ließ. Mag man aber mit der skrupulösesten Aufmerksamkeit die Bücher des alten Testamentes durchsehen, so wird man nirgends auf die Spuren einer Geheimlehre oder auf eine tiefere und reinere esoterische Lehre stoßen, welche nur einer kleinen Zahl Auserlesener vorbehalten sei. Das hebräische Volk kannte von seinem Ursprung bis zur Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft – wie alle anderen Nationen in ihrer Jugend – keine anderen Organe der Wahrheit und keine anderen Diener der Gottheit als die Propheten, Priester und Dichter, von denen die beiden letzteren – ungeachtet einer gewissen trennenden Verschiedenheit – in dem ersteren aufgehen; der Priester lehrte nicht, sondern wandte sich nur mittelst des Pompes der religiösen Ceremonien an das Auge, und was die die Religion in Form einer Wissenschaft, welche der Sprache der Inspiration den dogmatischen Ton substituiert, lehrenden Theologen anlangt, so wissen wir nur, daß sie – ohne Sonderbezeichnung – in jener Periode überhaupt existierten. In bestimmten Umrissen treten sie erst zu Anfang des dritten Jahrhunderts der christlichen Ära unter der Allgemeinbezeichnung „Thannaïm“ auf, welches Wort „Organe der Tradition“ bezeichnet, kraft deren man alles lehrte, was nicht klar in der heiligen Schrift zum Ausdruck gelangte. Die Thannaïm, die ältesten und geachtetsten der jüdischen Gelehrten, bilden eine lange Kette, deren letztes Glied der heilige Judas, der Verfasser der Mischna ist, in welchem Werk er der Nachwelt alle Aussprüche seiner Vorgänger sammelte und überlieferte. Man zählt zu ihnen die angeblichen Verfasser der ältesten kabbalistischen Bücher, nämlich Joseph ben Akiba und Simon ben Jochai samt ihren Söhnen und Freunden. Unmittelbar nach dem in das Ende des zweiten Jahrhunderts n. Christi fallenden Tod des Judas beginnt eine neue Gelehrtengeneration, welche den Namen Amoraim (אמוראים) führt, weil sie für sich selbst keine Autorität beanspruchen, sondern nur in erklärender Weise die Aussprüche ihrer Vorgänger wiederholen; auch sammelten sie alle noch nicht redigierten Sentenzen derselben. Während der nächsten drei Jahrhunderte hörten diese Kommentare und neuen Traditionen nicht auf, sich in einer wahrhaft wunderbaren Weise zu vermehren und wurden endlich unter dem Namen der Gemara (גמרא) d. h. „Tradition“ gesammelt. In diesen beiden Sammlungen, welche von ihrer Zusammenstellung bis auf unsere Zeit heilig aufbewahrt und unter dem Namen „Talmud“ (Studium, Wissenschaft) vereinigt wurden, müssen wir zweifelsohne die Ideen suchen, welche die Basis des kabbalistischen Systems bilden und Gelegenheit zur Entstehung der Kabbala gaben.

Man findet in der Mischna[350] folgende merkwürdige Stelle.

„Es ist verboten, zwei Personen die Genesis zu erklären, nur einer einzigen darf man die Merkaba oder den himmlischen Wagen lehren, und diese sei ein weiser Mann, der ein gutes Verständniß besitze.“

Der Talmud überliefert (Hagiga 13a) eine Bereita, welche nicht in die Mischna des Rabbi Judas aufgenommen wurde, in welcher Rabbi Hiya hinzusetzt: „Aber man kann ihm die ersten Worte der Kapitel erklären.“

Ein Talmudist, Rabbi Zera (a. a. O.) zeigt sich noch strenger, denn er sagt, daß selbst der Hauptinhalt der Kapitel nur Menschen von hoher Würde und außerordentlicher Klugheit mitgeteilt werden dürfe, oder, um die Worte des Originals zu gebrauchen: „welche in sich ein Herz voll Unruhe tragen.“

Augenscheinlich ist hier weder vom Text der Genesis noch von der Vision des Hesekiel, welche derselbe an den Ufern des Flusses Khebar hatte, allein die Rede. Die ganze Schrift war, so zu sagen, in aller Mund, und seit undenklichen Zeiten machten es auch die skrupulösesten Beobachter der Traditionen zur Pflicht, daß sie jährlich mindestens einmal in den Synagogen ganz gelesen werde. Moses selbst hört nicht auf, das Studium des Gesetzes zu empfehlen, unter welchem man allgemein den Pentateuch verstand, und Esra las dasselbe nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft mit lauter Stimme dem versammelten Volke vor. Es ist in der That unmöglich, daß die von uns citierten Worte ein Verbot der Erklärung oder des Suchens eines Verständnisses der Erzählungen der Genesis oder der Vision des Hesekiel enthielten; es handelt sich vielmehr um eine bekannte Auslegung oder Lehre, welche jedoch mit einem gewissen geheimnisvollen Schleier umgeben ist. Es handelt sich um ein Wissen, welches sowohl in seiner Form, als in seinen Prinzipien feststeht, kennt man doch seine Einteilung in verschiedene Kapitel mit ihrem Inhalt. Es ist zu bemerken, daß die Vision des Hesekiel nichts Ähnliches enthält; sie erstreckt sich nicht über mehrere Kapitel, sondern nur über ein einziges und zwar das erste des diesem Propheten zugeschriebenen Buches. Wir sehen weiter, daß diese Geheimlehre zwei Theile enthält, welchen man jedoch nicht gleiche Wichtigkeit beilegte, denn der eine Teil durfte zwei Personen gelehrt werden, der andere jedoch nur einer einzigen, welcher die schwersten Bedingungen auferlegt wurden. Wenn wir Maimonides Glauben schenken dürfen, der, obgleich nicht eingeweiht in die Kabbala, weit entfernt ist, deren Existenz zu leugnen, so enthielt die erste Hälfte unter dem Titel: „Geschichte der Genesis oder der Schöpfung“ (מעשה בראשית) die Wissenschaft der Natur, während der zweite, „die Geschichte des Wagens“ (מעשה מרכבה) genannte, eine geheime Theologie lehrte. Diese Anschauung wird von allen Kabbalisten angenommen.

Ich führe hier eine weitere Stelle an, aus welcher dasselbe auf eine nicht weniger evidente Weise hervorgeht: